In der Liturgie geht es nicht um uns, sondern um Gott

Ein Interview mit Dom Alcuin Reid   von Dan Flaherty (aus dem Englischen: Claudia Sperlich) Einer der herausragendsten Liturgiker unserer Zeit, Dom Alcuin Reid, ist Mönch im Kloster Sankt Benedikt in der Diözese Fréjus-Toulon in Frankreich. Seine Promotion über die liturgische Reform des 20. Jhs. wurde veröffentlicht als “Die organische Entwicklung der Liturgie”, mit einem … Read more

Ich werde es machen, und sie werden kommen

Der Regisseur Daniel Rabourdin, Absolvent der Sorbonne und ehemaliger Mitarbeiter bei EWTN (Eternal Word Television Network) ist entschlossen, das verheimlichte Schrecknis der 140.000 französischen katholischen Märtyrer offenzulegen, die 1796 ermordet wurden.

Wenn das bedeutet, das eigene Haus zu vermieten, um Geld für den Film zusammenzubekommen, und in einem Zelt zu schlafen – dann macht er das eben. Teresa Limjoco vom Regina Magazine hat Daniel in Amerika getroffen.

Erzählen Sie uns von ihrem früheren Leben in Frankreich.

Als ich in Frankreich ein Teenager war, haben meine Lehrer den Katholizismus ins Lächerliche gezogen, um zu versuchen, Schüler vom Glauben abzubringen. Glücklicherweise hatte ich eine Art Mentor (einen, der zur lateinischen Messe ging), einen geistig wachen Priester, der mich gegen diese Kritiker “geimpft” hatte. Ich sollte aufstehen und wagen, mich einzusetzen.

Einige meiner Gleichaltrigen wollten lieber, daß ich still blieb, weil sie kein “Drama” haben wollten. Trotzdem sprach ich zum Beispiel über das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Dies Dogma wurde nicht von der späteren Kirche erfunden, sondern die Kirche sprach nur aus, was von Anfang an Glaube der Katholiken war. Schließlich schienen die Lehrer meinen Einsatz zu respektieren.

Jetzt leben Sie in Amerika, stimmt’s?

Ja. Spulen wir 35 Jahre vor, da kam ich nach Amerika und erfuhr dort einen viel größeren Respekt vor der Religion. Hier gibt es so vieles, was ich mag.

Dann, nach einigen Reisen zurück nach Frankreich, wo diese intellektuelle Verfolgung weitergeht, erwachte ich und machte mir klar: es gibt da einen kaum bezeugten Mißbrauch von Kindern an öffentlichen Schulen. Ich nenne das, um genau zu sein, “Seelenmißbrauch”. Andernorts wird das Gehirnwäsche genannt. Dieser Mißbrauch durch Erwachsene in Schulen, die etwas tun, worum sie von niemandem gebeten wurden, ist meiner Ansicht nach ein Verbrechen und sollte Teil des Strafrechts werden.

Was hat Sie dazu gebracht, sich für den Krieg der Vendée zu interessieren?

Ich suchte nach einem Thema für einen dramatisierten Dokumentarfilm mit Action und Glauben. Ich fand einen altes Comicbuch über Geschichte in meiner Kellerwohnung in Frankreich, das vom Krieg der Vendée handelte.

Der Krieg der Vendée war eine frühe, aber starke Verfolgung Gläubiger durch atheistische Kräfte. Am Höhepunkt ihres Kampfes hatten die Vendéer 70.000 Bewaffnete versammelt. Diese Bauern ohne militärische Erfahrung erhoben sich. Sie errangen viele Siege, und dann unterlagen sie dem ungeheuren Zufluß an Soldaten der Revolution, die von der östlichen Front zurückkamen. In meinen Augen sind sie die Protomärtyrer der Christen, die durch eine atheistische Macht starben.

Daniel leitet eine kritische Szene: “Als die Kämpfe im Wesentlichen vorbei waren und die Vendéer verloren hatten, bestanden die französischen Revolutionäre darauf, die Zivilbevölkerung auszulöschen. Ungefähr 140.000 Menschen verschwanden – 80% davon Frauen, Kinder und Alte.”

Da Frankreichs Geschichte immer noch vom öffentlichen Schulsystem “unter den Teppich gekehrt” wird, dachte ich, das wäre ein guter Film, um das der ganzen Welt zu sagen. Wenn die Welt besser Bescheid weiß, könnte sich in Frankreich später vielleicht etwas ändern.

Gibt es in Frankreich viele Leute, die von diesem Genozid in der französischen Geschichte nichts wissen?

Die meisten, die davon noch etwas wissen, sind Christen (und wenn man in Frankreich Christ sagt, meint man meistens Katholik) – weil es um ihre Vorfahren im Glauben ging. Am genauesten wissen es die Leute in Frankreich, die die lateinische Messe lieben. Sie haben alle zu Hause irgendein Buch darüber. Sie bleiben sich klar darüber, wohin sich unsere Zivilisation bewegt. Sie haben eine gute geschichtliche Bildung.

Die meisten anderen Kräfte in Frankreich bringen jegliche Auskunft darüber lieber zum Schweigen.

Aber es gibt Bücher – Geschichtsbücher, Experten, Historiker. Und die modernen politischen Führer der Region Vendée kämpfen immer noch dafür. Sie drängen auf offizielles Anerkennen des Völkermordes, der in der Vendée stattfand, durch die Französische Republik.

Wie haben sich die Mitarbeiter der Produktion zusammengefunden – die Drehbuchautoren, der Regisseur, die Schauspieler, der Komponist, der Kameramann und so weiter?

Ich habe praktisch mit gar nichts angefangen. Jetzt sind die Dreharbeiten abgeschlossen, und der Film ist zu 70% editiert, ich staune immer noch, daß wir nicht versagt haben.

Jim Morlino (L) und Daniel Rabourdin am Dreh: “Ein Dutzend Freiwillige in Amerika und Frankreich helfen mir. Mein Kameramann Jim Morlino hat auf einer sehr großzügen Basis gearbeitet, weil er die Sache gern mochte und begriff, daß ich das nicht allein machen konnte.”

Die drei professionellen Schauspieler, die ich überzeugt habe, haben für die Hälfte ihrer gewöhnlichen Gagen gearbeitet. Sie haben für die Dreharbeiten tagelang Überstunden auf freiem Feld gemacht. Bauern liehen uns ihre Höfe und Felder. Die Rollenspielertruppe Le Brigand du Bocage in der Vendée (Homepage: http://brigandsdubocage.blogspot.fr), und ihr Gründer Ghislaine waren großartig. Sie haben umsonst gearbeitet, die Drehorte gefunden, mir gesagt, wo ich Kostüme leihen konnte. Ghislaine hat eine schlaflose Nacht damit verbracht, Kostüme zu bügeln. Der Historiker Reynald Secher hat seine Guillotine aus seinem Museum gebracht, und er ließ für eine Szene ein Massengrab auf seinem eigenen Grundstück ausheben.

Das ist erstaunlich.

Ja, ich glaube, ich war einfach dreist und naiv genug. Ich habe meine Arbeit bei EWTN gekündigt, meine Rentenkasse geplündert, meine Wohnung vermietet und in einem Zelt geschlafen. Ich habe immer noch kein Einkommen, und ich verlasse mich auf meine gute Gesundheit, um die Krankenversicherung zu sparen. Ich weiß selbst nicht, was unter dem Strich herauskommen wird, aber ich weiß, daß wir die Produktion nicht stoppen werden. Ich brauche noch 40.000 Dollar für das Editieren des Films.

Ich habe auch versucht – und versuche immer noch – im Internet einen Crowd Fund zu unterhalten. Tatsächlich verbringe ich die Hälfte meiner Zeit damit, zu betteln, um Geld zu bitten… für ein schönes T-Shirt mit dem Heiligen Herzen Jesu, das ich entworfen habe. Für andere Überraschungen. Wir versuchen, uns dankbar zu zeigen…

Wie haben normale Laien in Frankreich auf das Projekt reagiert und geantwortet, und Historiker, und die Kirche?

Wunderbare normale Leute: “Wir hatten da Leute wie einen jungen arbeitslosen Ingenieur in Frankreich, der mich mit 1300 Dollar unterstützt hat. In Amerika gibt es in meiner Nachbarschaft eine arme alte Witwe, die 15 Dollar spendete. Es bedeutet ihnen sehr viel, dabei zu sein. In Paris hat mich eine Familie zwei Wochen lang in ihrem Wohnzimmer untergebracht.”

Ein französischer Bischof hat mir einen alten Lieferwagen geliehen und einen Segensgruß für die Filmarbeit geschrieben. Ich habe mehrmals in dem Lieferwagen geschlafen. In Amerika geben mir ein Bauer und sein Bruder Geld und auch moralische Unterstützung. Diese Freundschaften sind sehr wichtig, und dazu kommt viel Gebet.

Wenn Menschen die Wahrheit kennen und auf ähnliche Weise wie die Vendéer leiden, dann beginnen sie zu handeln. In gewisser Weise sind das Helden. Die Nachkommen der Armenier (die einen Genozid durch die muslimischen Türken erlitten), der Ukrainer (Genozid durch die kommunistischen Russen), Kubaner, Vietnamesen und Polen sind sich sehr klar über die Gefahren mächtiger atheistischer Regierungen. Ich sage ihnen, wie sehr ich mich für diesen Kampf um Religionsfreiheit engagiere. Sie ihrerseits verzichten auf eine Flugreise oder ein Essen im Restaurant, damit dieser dramatisierte Dokumentarfilm fertig wird.

Sie sind also ein Künstler, der von normalen Menschen unterstützt wird.

Wissen Sie, schöpferische Menschen und Künstler sind meistens arm. Und wenn früher ihre Bilder oder heute ihre Filme gesehen werden, dann deshalb, weil es Kunstförderer gibt. Die Menschen sind begeistert, wenn sie sehen, daß die erzieherische Wirkung einer künstlerische Arbeit lange anhält.

Daniel (L) am Dreh mit “Revolutionären Truppen”: “Früher mußte man Könige oder Päpste überzeugen, etwas in der Welt zu ändern. Heute muß man die breiten Massen überzeugen, und das wird am erfolgreichsten durch das Internet getan, etwa durch Regina Magazine.

Nun, ich versuche, all diese guten Leute regelmäßig anzurufen. Ich liebe ihre so rührende Besorgnis. Sie müssen wissen, dass sie ein Werk der Barmherzigkeit tun, um die Wahrheit bekannt zu machen. Ich glaube, dass die Märtyrer der Vendée sie vom Himmel her anlächeln. Die kleinen Kinder, die mit ihren Rosenkränzen in der Hand starben, die Karmelitinnen von Compiègne… diese Jugendliche, die ihre kleine Schwester ermutigte, als sie zur Guillotine hinaufstiegen: “Wein nicht, Schwesterchen, heute essen wir zu Abend mit unserem süßen Herrn Jesus.”

Ich habe noch nicht versucht, irgendeine Stiftung um Hilfe zu bitten, oder Behörden, oder Politiker. Aber ich höre, dass es klappen könnte. Das wäre schön. Noch schöner wäre es, wenn Menschen guten Willens irgendeine Stiftung um einen Zuschuß angehen könnten. Ich habe selbst einfach keine Zeit, das zu tun. Ich möchte lieber die Produktion jetzt so weit voranbringen wie ich kann. Ich möchte “es machen, und sie werden kommen”. In einem Monat werde ich aufhören, wenn ich bis dahin nicht mehr Hilfe bekomme. Aber ich habe jeden Schritt dieser Produktion auf Video aufgezeichnet, um Menschen zur Unterstützung zu animieren. Ich habe Menschen in Frankreich und Amerika aufgenommen, auf dem Bauernhof, in Paris, in der Vendée… Die Spenden von guten Menschen auf dem Weg helfen uns “gerade eben” weiter. Wie Mutter Angelica es erfahren hat, als sie Spenden für ihr Fernsehprogramm sammelte – der Herr schickt immer genau, was zu unserem täglichen Brot nötig ist.

Wie weit sind Sie nun mit der Produktion?

Die Dreharbeit in Frankreich und Amerika ist ganz fertig. Die Filmsequenzen mit Handlung (also der Spielfilmteil) und die Interviewsequenzen (der dokumentarische Teil).

Update des Projekts: “Jetzt zum Beispiel füge ich Bites von einer ukrainischen Historikerin ein. Noch gerade rechtzeitig! Sie spricht darüber, wie die Sowjetrussen den Genozid der Französischen Revolution kopierten und gegen die Ukrainischen Bauern anwandten. Sie haben sie verhungern lassen. Zwei Millionen Tote. Lenin nannte die Wolga, wo er seine Feinde ertränkte, seine “kleine Loire”. Die Loire ist der Fluss in der Vendée, in dem die französischen Revolutionäre nicht weniger als 4000 Vendéer auf einmal ertränkten. Wir haben eine Szene daraus in einem Fluss in Frankreich nachgespielt. Es war sehr anrührend.”

Für wann haben Sie die Premiere vorgesehen?

In der englischen Version wird es im Frühjahr 2015 sein. Warum nicht eine in Paris und eine in Los Angeles? Wir werden versuchen, sie in “ausgewählten Kinos” zu verteilen. Jeder, der will, kann in der Sache helfen. Mit aktiven Leuten, aktiven Katholiken, aktiven Bürgern werden wir unseren Film zu ihrem Kino bringen, und sie können ihren Verein, ihre Schule oder ihre Gemeinde dazu bringen, das Kino zu füllen. Und zugleich werden die durchschnittlichen Kinogänger das Dokudrama sehen können. Danach werden wir es auf History Channels versuchen. Dann im Ausland (bisher ist Polen interessiert, ebenso wie Kanada).

Warum glauben Sie, daß die Geschichte der Vendée so wichtig ist?

Die Leute müssen das bekannt machen und in Amerika ein Bewußtsein schaffen, dass Greuel von überall her kommen können – und im 20. Jahrhundert kamen sie meistens von atheistischen Staaten, überaus zentralisierte, überaus liberale Mächte wie die Sowjetunion, China, Nordkorea oder Kuba. Im 20. Jahrhundert kamen Greuel nicht von Ethnien oder Religionen. Sie kamen vom Atheismus. Der Nationalsozialismus war ebenfalls militant atheistisch. Historiker schätzen den gesamten Blutzoll des Nationalsozialismus auf 40 Millionen. Sie schätzen den Blutzoll der radikalen linken Mächte auf 140 Millionen. Ich glaube, das übertrifft die Todesfälle aufgrund des “Schwarzen Todes” und früherer Invasionen. Die Zahl beinhaltet die begonnenen Kriege, die Säuberungen, den Gulag, die Umerziehungslager und den Hungertod aufgrund Verlust der Ertragsfähigkeit, und durch die Bestrafung jener, die regelmäßig produktiv waren (Unternehmer, Bauern usw.).

Ein faszinierendes Interview mit Stéphane Courtois, dem Autor des Schwarzbuchs des Kommunismus. Er war Teil eines bewaffneten kommunistischen Anschlags in Paris in den 70er Jahren des 20. Jhs. Sie brachen alles in letzter Minute ab, als ihnen ihr Irrsinn klar wurde. Heute ist Stéphane ein politischer Konvertit. Frankreichs linke Intelligenzia, die alle “kulturellen Schlüsselpositionen” der Gesellschaft innehat, läuft Sturm, aber er ist glücklich frei. Er sagt in unserem Film: “Ich glaube nicht an Gott, aber wenn man den christlichen Gott aus der Gesellschaft entfernt, muss man sich nicht wundern, wenn man am Ende eine Katastrophe erlebt.”

Wo kann man weitere Informationen über den Film finden?

Man kann auf unsere Website gehen: hiddenrebellion.com (auf Englisch), und larebellioncachee.com (auf Französisch).

Wo außer in Ihren Film (der wirklich sehr spannend aussieht!) kann man mehr über diese historische Episode lesen oder sehen?

Ich bin wirklich froh, dass Sie das fragen. Zunächst empfehle ich das Büchlein For Altar and Throne (Für Thron und Altar) von Michael Davies, einem englischen Autor, das sich gut liest. Um den jahrhundertealten Prozess zu verstehen, den wir durchmachen, empfehle ich auch das kluge, aber leicht lesbare Buch von Dr. Benjamin Wiker of Steubenville, “Worshiping the State” (Anbetung des Staates). Es zeigt das Vorgehen französischer und englischer Philosophen, die an einen mit Machtmitteln zu errichtenden Himmel auf Erden glaubten. Es zeigt, wie dies während der Französischen Revolution angewandt wurde, und dass es immer noch der gefährliche Traum heutiger radikaler Liberaler ist. Die Hippies glaubten auch an diesen Himmel. Ihre Nachkommen arbeiten nun hart daran, uns diesen “Himmel” aufzuzwingen.

Und dann ist da natürlich das mutige Buch Le Génocide Franco-Français: La Vendée-Vengé (Englisch: A French Genocide) des französischen Historikers Reynald Secher, der die Notwendigkeit bekannt macht, einen Genozid in der Vendée anzuerkennen. Herr Secher hat in den Archiven der französischen Armee alle Befehle an französische Generäle gefunden, die Bevölkerung der Vendée auszulöschen.

Wie kann man bei diesem Projekt helfen? Kann man immer noch helfen, die Produktion zu finanzieren?

Oh ja, das kann man, und wir können ohne Hilfe gar nicht weitermachen! Wir haben die Seite hiddenrebellion.com/support auf unserer Website, und die Leute, die uns helfen, bekommen auch Geschenke von uns. So bekommen die Spender kleinerer Summen unsere Mütze und ein T-Shirt mit den Farben der Produktion.

Die sehr großzügigen Spender bekommen ein fünfgängiges Menü von mir, ihre Namen im Abspann als Aufnahmeleiter, einen Besuch in Los Angeles usw. Viele unserer Unterstützer werden auch in die Produktion eingebunden. Das ist auch sehr interessant für sie.

Ehrlich gesagt brauche ich noch etwa 40.000 Dollar, um noch mehrere Monate lang den Cutter, die Sprecher, die Übersetzer, Special Effects, Erstellung von Grafiken, Landkarten, Musik usw. zu bezahlen. Der Schnitt ist eine sehr lange Phase im Produktionsprozess. Manchmal sitzen wir daran fünf Stunden lang, und das ergibt nur fünfzehn weitere Sekunden im Film. Es ist eine kreative Phase, aber sie dauert ungefähr zehn Monate. Ich glaube, wir haben noch ungefähr vier Monate vor uns, wir sehen also Licht am Ende des Tunnels. Ich möchte die Produktion jetzt wirklich nicht stoppen.

 

Der Pilgerweg nach Chartres Pilgrimage in den Augen eines Neulings

Eines sonnigen Frühlingsmorgens 2004 trat Donna Sue Berry aus der Geborgenheit der Kathedrale Notre Dame. Sie schloß sich 10.000 kühnen Katholiken an, um viele Meilen zu wandern – auf Straßen, über Schluchten und durch Wälder – um dort zu beten, wo Heilige gebetet hatten. Sie ahnte nicht, daß sie schreiend durch einen französischen Wald rennen würde und sich fragen, was zum Teufel sie hier tue, bevor der Tag zum Ende kam.

“Komm mit mir nach Chartres, Mama!” bettelte meine Tochter Crystal. Sie wollte, daß ich sie begleitete auf dem 116 Kilometer langen historischen katholischen Pilgerweg von Notre Dame in Paris nach Chartres.

Diese großartige romanisch-gotische Kathedrale des 12. Jahrhunderts hatte über die Jahrhunderte Heilige, Könige, Königinnen und dergleichen gesehen. Ihr Bau war um 1220 vollendet – und ich stellte mir vor, daß meine Chance, nicht dorthin zu kommen, 1220:1 betrug.

Schließlich stammte ich aus Oklahoma, war 49 Jahre alt und war niemals nach Übersee gefahren, hatte kaum je den Bundesstaat verlassen. Ich litt unter all dem schweren Gepäck, das ich seit meiner Scheidung vor weniger als einem Jahr mit mir trug, nach 28 Ehejahren mit meinem einstigen Freund aus Collegezeiten. Ich war äußerst verletzt, einsam, zornig, und ich hatte genug von schiefgehenden Dingen. Auch ging ich zu fünf katholischen Kirchen der Gegend, von denen keine zu meiner Gemeinde gehörte. Ich erlaubte mir nicht, einem Menschen oder Ort zu nahe zu kommen.

Aber die Aussicht, Zeit mit meiner Tochter und meinem ersten Enkelsohn zu verbringen, war allzu verlockend, und so stimmte ich zu. In den Stunden, in denen wir durch Paris gingen, begann ich meine eigene persönliche Reise.

Im Kloster der Schwestern der Barmherzigkeit betete ich vor dem Allerheiligsten, neben dem unverweslichen Leichnam der Heiligen Catherine Labouré. Ich bat sie um Hilfe, mich von meiner schmerzlichen Vergangenheit zu lösen. Ich wollte in Christi Gnadenfülle leben. Ich konnte kaum glauben, genau dort zu sein, wo diese heilige Nonne ihre Hände auf den Schoß der Muttergottes gelegt und die Wundertätige Medaille von ihr empfangen hatte.

Am folgenden Tag wanderten wir durch Lisieux, und ich kniete ehrfürchtig vor dem Reliquiar der Heiligen meiner Kindheit, der Heiligen Therese. Ich bat sie um Fürbitte. Auf meinem ganzen Weg durch Frankreich erlebte ich einen von vielen Gnadenbezeigungen Gottes erfüllten Traum. Was für ein Trost, welche Freude!

Der erste Tag

Am folgenden Tag mischten wir uns unter die Schar der Pilger, die in Notre Dame in Paris zusammenströmten. Freude und Wärme überfluteten uns, als wir in dieser eindrucksvollen Kathedrale knieten. Ich war überwältigt, voll herrlicher Erwartungen, überschwänglich von begeistertem Gebet und Liebe zu unserem Herrn.

Überall sah ich die lächelnden Gesichter von Männern und Frauen, die sich bereit machten, loszugehen. Wir gingen mit den Amerikanern, hinter einem riesigen Banner Unserer Lieben Frau von Guadelupe. Jemand begann, den ersten von vielen, vielen Rosenkränzen vorzubeten, während wir betend und redend durch die Straßen von Paris zogen. Die Pilger sahen aus wie aus dem Bilderbuch, in Wanderkleidung und mit baumelnden Rosenkränzen in den Händen.

Aber schon nach kurzer Zeit blieb ich ein wenig zurück, in ein fesselndes Gespräch mit zwei etwa siebzigjährigen Frauen aus Washington verwickelt. Mit ihren Röcken, Wanderstiefeln und Gehstöcken waren sie kein bißchen außer Atem, während ich langsam müde wurde.

Wie ging das an? Ich war so viel jünger, aber ich atmete schwer. Der schöne sonnige Tag ließ mich heiß und verschwitzt werden. Waren wir schon fünfzehn Kilometer weit gegangen? Endlich verlangsamten die Frauen ihren Schritt etwas, um mich nicht zurückzulassen. Ich bedeutete ihnen, vorzugehen, und fiel immer weiter zurück.

Hunderte von Menschen aus aller Welt waren da – viele Nationalitäten und Sprachen, und bald war ich von Menschen umgeben, die kein Englisch sprachen.

Als ich weiter zurückfiel, bekam ich Angst, aber in diesem Moment wurden wir in einen riesigen Park geführt. Überall gab es Wasserflaschen, und ich ließ mich erleichtert ins Gras fallen.

Erste Schwierigkeiten

Als ich mich aufraffen wollte, merkte ich, daß ich nicht konnte; geschlagen ging ich wieder zu Boden. Eindeutig war ich in Schwierigkeiten. All das Sightseeing, Treppensteigen zur Kathedrale und wieder hinaus, dies Hin und Her zwischen touristischen Stätten hatte mich schon körperlich angestrengt. Aber die ersten fünfundzwanzig Kilometer der Pilgerreise hatten mich fertiggemacht.

Ich bekam Angst. Einige Leute sahen noch angeschlagener aus als ich. Ich bemerkte Blut am Fußknöchel eines Pilgers und auch mehr als einen Verband. Einige sahen völlig erschöpft aus und saßen oder lagen einfach auf dem Boden. Die Verletzten, die noch gingen, beteten im Stillen. Wir waren allein im Park und konnten den Gesang und die Gebete nicht mehr hören.

Wir mußten aber nicht lange warten, ehe jemand kam, der sehr zuständig wirkte und ausgezeichnet Französisch und gebrochen Englisch sprach. Wir erfuhren, daß man uns mit Autos abholen und zur Messe fahren werde. Als wir alle loshinkten, faßte ich einen klaren Entschluss. Ich suchte die Seitenstraßen nach einer Telefonzelle ab. Ich hatte eine Kreditkarte. Wäre ein Taxi in der Nähe gewesen, wäre ich nach Chartres gefahren. Ich brauchte ein Hotel. Ich brauchte ein Bad. Ich mußte weg von dieser Pilgerreise.

Eine Messe in einem französischen Wald

Aber was ich wirklich brauchte, war genau diese Pilgerreise. Also stieg ich gehorsam in das Auto, und wenig später wurden wir auf einer schönen Lichtung zwischen den Bäumen abgesetzt, wo die Pilger innehielten. Vorbereitung für eine Messe unter freiem Himmel wurden getroffen. Ich fand einen Stein zum Sitzen und bemerkte, daß die stille Fahrt mir geholfen hatte, meine schmerzenden Muskeln etwas zu entspannen, und ich hielt Ausschau nach meiner Tochter. Nicht lang danach sahen wir einander tatsächlich über ein Meer von Pilgern hinweg, und ich machte ihr winkend ein Zeichen, dass bei mir alles in Ordnung war.

Aber das war es nicht. Es wurde heißer, ich kochte in diesem stickigen grünen Wald. Die Körperwärme aller Pilger hätte eine Arena mitten im Winter heizen können. Was war los mit mir? Ich war normalerweise nicht so ein Weichling oder Jammerlappen. Ich hatte mich auf diese Reise so gefreut und mich dieser Herausforderung körperlich gewachsen gefühlt. Aber als ich da saß in meinem T-Shirt, Jeans und weißen Reebokstiefeln, so völlig Amerikanisch und fehl am Platz wirkend, fühlte ich mich aufs Äußerste verloren.

Ich hatte geglaubt, die Scherben meines Lebens aufgesammlt zu haben. Ich hatte geglaubt, mich wieder zusammengesetzt zu haben nach meiner Scheidung im Sommer des vorigen Jahres. Aber als ich auf den Boden vor mir starrte und fühlte, wie die Menge sich her drängte, weil die Messe gleich beginnen sollte, war ich immer noch in so viel Schmerz vergraben.

Ich kämpfte die Tränen nieder, die während der letzten Kilometer hatten fallen wollen, als ich nach den Amerikanern Ausschau hielt. Dann plötzlich wurde mir klar: Ich tat, was ich gewöhnlich tat, wenn Probleme auftauchten – ich schaute nach etwas zu tun oder etwas, die Gedanken zu beschäftigen. Ich warf einen Blick auf meine Tochter, die so gelassen, ruhig und entspannt aussah, als sie lächelte und mit anderen Pilgern scherzte. Ich liebte dies Mädchen. Aber warum um alles in Welt hatte ich jemals gesagt, ich würde auf diese Pilgerreise gehen?

Plötzlich wurden die Pilger ruhig, und der Gesang fing an. Die Messe begann, und wir fielen auf die Knie – einige unter uns langsamer als die anderen.

“In nomine Patris, et Filii, et Spriritus Sancti.”

Lieber Gott, betete ich inbrünstig, Hilf mir hier heraus!!

Die Messe im Wald war überwältigend. Hinterher verzweifelte ich daran, daß ich um ein Wunder gebetet hatte und es nicht eingetroffen war; langsam und schmerzhaft ging ich in den Wald und schaute nach dem Sanitätsbus.

Dann tauchte meine Tochter auf, fröhlich hüpfend inmitten anderer Pilger. Und da war nicht nur sie. All diese völlig verschwitzten Pilger mit schmerzenden Rücken und Beinen, mit durch ihre Hände rollenden Rosenkränzen, schienen mir erstaunlicher Weise als die fröhlichsten Leute, die ich seit Jahren gesehen hatte. Sie sangen und beteten einfach im Gehen weiter.

Warum konnte ich nicht diese Art von Freude finden? Auch ich war zur Beichte und zur Messe gewesen.

Allein an einem stickigen Ort

Aber nun war ich hier, mit Schmerzen und außer Atem, als ich alleine durch den heißen, schwülen, stickigen Wald trödelte. Ich war ganz sicher, vor Hitze, Erschöpfung und in mir brodelnden Gefühlen zu sterben. Die Tasche über meiner Schulter wurde immer schwerer. Schweiß rann meinen Rücken hinunter. Meine Kleider klebten an mir.

“Was mache ich hier?” Bei jedem Schritt schrien diese Worte in meinem Kopf, lauter als vorher. Ich würde explodieren! Das war verrückt. Das hätte die schönste Reise meines Lebens werden sollen, eine Gelegenheit, Frankreich zu sehen und die Orte, wo meine liebsten katholischen Heiligen gelebt hatten.

“Und dann starb sie”, spottete ich und stolperte über einen heruntergefallenen Ast. Make-up rann meine Wangen hinunter, als ich anfing zu weinen. Ich war völlig durcheinander, innen wie außen. Ich konnte kaum Atem holen und begann zu stammeln: “Warum, Gott? Warum bin ich hier?! Das sollte eine fröhliche, lehrreiche, erhellende Reise werden!”

Aber dies war nicht fröhlich. Ich brauchte Trost. Ich brauchte Liebe, und ich mußte den Schmerz hinter mir lassen. Mit jedem Schritt liefen mehr Tränen herunter. Ich strich mein klebriges Haar aus dem Gesicht.

Endlich blieb ich stehen. Allein in diesem Wald, schrie ich laut. “Gott, warum? Ich habe nicht darum gebeten! Was zur Hölle soll ich hier?” Ich sank auf die Knie, als der Damm brach. Ich habe im ganzen Leben nicht so geweint. Es schien aus meinem tiefsten Inneren zu kommen, und ich bin bis heute nicht sicher, daß irgendein Laut aus meinem Mund kam.

Ich weiß wirklich nicht, wie lange ich so da saß, aber als ich mich langsam beruhigte, kam es mir vor, als hörte ich eine unhörbare Stimme sagen: “Weil Ich dich liebe.”

Ich blickte auf den Rosenkranz hinunter, den ich in der Faust gepresst hielt. Ich starrte auf das Kruzifix und sprach laut aus: “Weil Du mich liebst.”

In diesem Augenblick bemerkte ich, wie still und friedlich meine Umgebung war. Ich kniete, fühlte die frische, leichte Brise, die mein Gesicht streichelte. Aller Kampf verließ mich – all der Ärger, der Schmerz, die Erniedrigung der letzten Jahre – verschwand ganz einfach.

Gott hatte die Pilgerreise nach Chartres benutzt, um meine Bitterkeit abzuschleifen, um mich zu befreien von allem, was mich davon abhielt, in der Gnade voranzuschreiten. War das nicht mein Gebet gewesen, am Altar der Heiligen Catherine Labouré und zur Heiligen Therese, vor nur einem Tag?

Einige Augenblicke lang kniete ich in der friedvollen Stille, als ich plötzlich eine Hupe hörte. Der Sanitätsbus kam gerade durch den Wald zurück!

Wieder im Sanitätsbus

In den Bus zu steigen, klares Wasser zu trinken und meinen müden Kopf gegen das Fenster zu lehnen war eine weitere Gottesgabe. Als der Bus sich mit Pilgern füllte, sah ich, daß nur wenige nicht von den Strapazen der Reise verwundet waren. Eine Person war recht sicher, daß ihr Knöchel eher gebrochen als verstaucht war. Es dauerte nicht lange, bis drei Busse voll mit gehfähigen Verwundeten.

Eine Frau mit einem Megaphon erschien und sagte uns, wir sollten uns erinnern, dass wir hier aus einem bestimmten Grund waren. Dass dies der selbe Pilgerweg sei, auf dem Heilige gegangen waren. Wir sollten unsere Beschwerden, Schmerzen und Gebete für die Bekehrung der Sünder und für unsere eigenen Seelen aufopfern. Sie begann mit dem Rosenkranz, und wir beteten den restlichen Nachmittag lang, während wir weiter reisten bis zu dem Ort, wo wir übernachten sollten. Ich hatte immer noch Schmerzen, und ich hatte das Gefühl, nie wieder gehen zu können, aber meine Seele sang. Ich glaube, das war einer der andächtigsten Rosenkränze meines Lebens.

Im Freien schlafen

Am Abend erreichten wir ein riesiges Feld, wo wir unser Gepäck auspackten und zu Abend aßen. Es gab Brühe und Brot. Später, in unseren Schlafsäcken, konnten wir ein paar Schmerztabletten schlucken, um mit unseren Schmerzen und blasigen Füßen durch die Nacht zu kommen.

Am nächsten Morgen konnten Crystal und ich uns kaum rühren. Die Zelte mußten verstaut werden und die Messe gefeiert, ehe wir wieder losgingen. Wieder verabschiedete ich mich von Crystal. Ich ging wieder zu den Verletzten; unsere Gruppe war gewachsen, und wir waren nun viele, die sich hinkend die schmutzige Straße entlangschleppten. Dann begann es zu regnen.

Maries Geschichte

Wir waren eine völlig heruntergekommene Pilgergruppe, als wir müde in den endlich eingetroffenen Sanitätsbus kletterten. Ich setzte mich auf den letzten freien Platz neben einer jungen Frau, die aussah, als hätte sie einen Krieg durchgemacht.

Sie war übergewichtig, trug Punkklamotten und hatte einen riesigen wilden Schopf schwarzen Haares. She was overweight, dressed in punk regalia, with a massive head of wild black hair. Sie hatte eine Wunde über einer Augenbraue, die mit einem blutigen Verband bedeckt war, und ihr Knöchel war verbunden. Sie sah mich an, lächelte scheu und sagte mit starkem französischen Akzent: “Hullo.”

Ich fragte, ob sie eine meiner Wasserflaschen wollte. Ob sie in Ordnung sei. Sie schüttelte den Kopf und fing an zu weinen. Sie sagte, sie hatte sich am Vortag den Knöchel verstaucht, war gefallen und hatte sich die Stirn aufgeschlagen. Die Sanitäter hatten sie verbunden und für den Rest der Reise in den Bus geschickt.

Dennoch fragte sie mit französischer Höflichkeit nach mir, warum ich auf der Pilgerreise sei, warum im Bus. Ich sagte es ihr, und schließlich öffnete sie sich. Sie sagte, sie heiße Marie. Sie hatte versprochen, genau an dieser Pilgerreise teilzunehmen. Es war nicht ihre Wahl gewesen. Aber ihre Schwester war im letzten Jahr lebensgefährlich krank gewesen, und sie hatte ihr versprechen müssen, an der Pilgerreise nach Chartres teilzunehmen.

Sie war Diskjockey beim Radio, und war der Glaube war ihr schon vor Jahren abhanden gekommen. In diesem Moment, so gestand sie, da sie unter Hitze, Schmerzen und Unannehmlichkeiten litt, würde sie gerne nach Hause gehen – wenn sie könnte. Aber mit Tränen in den Augen bestand sie darauf, sie sei entschlossen, es durchzuhalten. Sie hatte es ja ihrer Schwester versprochen.

Wir fuhren schweigend weiter, bis die Frau mit dem Megaphon uns aufforderte, unsere Rosenkränze zur Hand zu nehmen, und dann begannen wir zu beten. Vielmehr, ich begann. Marie saß in düsterem Schweigen, das von gelegentlichem erstickten Schluchzen unterbrochen war. Ich sah die verregnete französische Landschaft vorbeiziehen.

Um uns herum wurde das Ave Maria in sanftem Rhythmus angestimmt. Ich betete für Marie, die neben mir kauerte. Ich betete für jeden, der mir einfiel. Ich opferte den elenden Tag auf und all meine Wunden und Schmerzen für Maries Bekehrung. Ich bat die Gottesmutter, sie ihn ihren Schutzmantel zu hüllen und ihr Frieden zu geben.

In der alten Kirche

Bald ließ der Regen nach, es nieselte nur noch, und auch die Busse fuhren langsamer. Wir bogen in eine kleine Straße, die zu einer alten Kirche mit Friedhof führte. Die Steine waren so alt, dass die meisten zur Seite gekippt waren.

Alle begannen, auf dem Friedhof herumzugehen. Einige nahmen verschiedene Jacken oder Regenmäntel und breiteten sie auf dem Boden aus, um zu sitzen, ohne nass zu werden. Marie fand ein großes Stück Plastik und setzte sich auch, aber ich ging in die Kirche.

Sie war wunderschön. Der Altar, die Statuen und die Kreuzwegstationen waren so alt und so schön. Die Kirchenbänke hatten kleine Schwingtüren und trugen die Namen längst verstorbener Gemeindeglieder. Ich trat durch eines der Türchen und ging in die Kirchenbank. Ich kniete dort und fühlte mich völlig überwältigt von der Heiligkeit des Ortes. Ich muss eine halbe Stunde lang gebetet haben, eingetaucht in den Frieden meiner Umgebung, ehe ein anderer Pilger in die Kirche trat.

Zurück im Freien, sah ich Pilger überall auf dem Boden sitzen, und ein Priester mit einem Megaphon betete den Rosenkranz vor. Dann bemerkte ich mehrere Priester auf Stühlen, und neben jedem kniete ein Pilger. Sie hörten die Beichte! Wenn ein Pilger die Absolution empfing und den Priester verließ, nahm ein anderer Pilger seinen Platz ein.

Es bewegte mich, die Gefühle auf den Gesichtern der Pilger zu sehen, wenn sie beichteten und sich dann, von ihren Sünden befreit, erhoben. Neben mir sah ich mit Staunen, wie Marie gerade den Rosenkranz laut auf Französisch betete. Es war ein schöner Anblick. Ich bewegte die Finger über die Rosenkranzperlen. Sie grinste mich verlegen an und hob ihren Rosenkranz, wie um zu sagen “Ich wollte es mal versuchen”.

Wir waren gerade fertig, als ein Priester meine Schulter berührte und fragte, ob ich “die Amerikanerin” sei. (War das so offensichtlich?) Ob ich den nächsten Rosenkranz auf Englisch vorbeten könne? Lächelnd überreichte er mir das Megaphon.

Ich begann also den Rosenkranz, und Marie betete ihn gemeinsam mit mir. Es war eine sehr schöne Erfahrung, die Pilger zu hören, die in ihren verschiedenen Akzenten mitbeteten. Beim letzten Gesetz des Rosenkranzes kam die Sonne hinter den Wolken vor. Es sollte ein schöner Nachmittag werden.

Ich sagte zu Marie, ich würde gleich zurück sein, und ging zu einem Priester, der die Beichte hörte. Mein Gewissen hatte mich gequält, seit ich am Vortag in jenem Wald so “explodiert” war. Es war an der Zeit, zu beichten, was so schwer auf meinem Herzen gelastet hatte.

Danach schien meine Seele zu singen, und ich fühlte mich außerordentlich glücklich. Ich kniete nieder und betete mein Bußgebet, dann sah ich Marie an.

“Warum?” fragte sie verdutzt.

“Warum was?” antwortete ich verwirrt.

“Du bist doch so heilig! Warum gehst du schon wieder zur Beichte?”

“Oh, Marie, ich bin nicht heilig. Ich bin bloß eine Sünderin und ich mußte das tun!”

Ich erklärte ihr ein bißchen über das Sakrament der Versöhnung. Marie war sehr still, als der nächste Rosenkranz begann. Wenige Augenblicke später berührte sie meine Schulter und sagte, sie wäre gleich zurück. Ich sah verwundert und dankbar zu, als sie neben einem Priester kniete und ihren Kopf neigte. Sie war seit Jahren nicht zur Beichte gegangen.

Was für eine Gnade. Was für unfassbare Gnaden hatte ich auf dieser Pilgerreise nach Chartres erhalten und bezeugt. Aucn ich neigte den Kopf und dankte Gott.

Der dritte Tag

Eine kühle Nacht verging, aber ich konnte meine Freude kaum bändigen. Der Tag war von so vielen Gnaden erfüllt gewesen.

Am nächsten Morgen ging ich die letzten paar Kilometer nach Chartres. Ich werde den ersten Blick auf die die Bäume überragenden Türme der Kathedrale niemals vergessen, und auch nicht den Gang durch die Stadt, als tausende von Pilgern sich mit ihren Bannern und Rosenkränzen durch die offenen Türen drängten.

Wir waren angelangt. Wir waren in der riesigen Kathedrale, über die ich an der Universität gelernt hatte. Hier waren Heilige und Sünder über die Jahrhunderte gereist und hatten hier gekniet, um ihren König in der Heiligen Kommunion zu empfangen.

Wir Pilger knieten nieder – nass, hungrig und wundgelaufen – aber nur eine Sache war von Bedeutung, als wir bei der Konsekrierung von Jesu Fleisch und Blut die Köpfe neigten. Wir sollten gleich Christus in der Heiligen Kommunion empfangen. Alles andere verblasste ganz einfach, nachdem ich die Eucharistie empfangen hatte. Aber als ich aufblickte zum Nordfenster der Kathedrale von Chartres in all ihrer Größe, wurde mir klar, daß ich nun ein Teil davon war. Ich hatte gekniet, wo Heilige und Sünder gekniet hatten. Meine Hände hatten ihre kühlen Steine berührt, und meine Stimme sang Lieder genau wie die Ihren. Ich hatte die Gnade empfangen, die Pilgerreise zu beenden, und ich sollte die Kathedrale verändert verlassen.

Beim Abschied von meinen alten und neuen Freunden hörte ich einen Mann zu einem anderen Pilger herüberrufen: “Bis nächstes Jahr!”

Nächstes Jahr? Würde ich diese Pilgerreise jemals wiederholen?

Wahrscheinlich nicht. Aber ich hätte dies um nichts in der Welt eingetauscht. Ich werde Gott immer dankbar sein, daß meine Tochter mir zu den ersten Schritten auf der Pilgerreise verhalf, die mir ermöglichte, mein Leben zu ordnen, dort in Chartres.

 

 

Deutschlands katholische Ritter – Ein Überblick über die Geschichte des Deutschritterordens

Im Sommer 1991 unternahm ich eine zweiwöchige Reise durch Polen. Einer der beeindrucktesten Sehenswürdigkeiten auf der Tour war die mittelalterliche  Burg in Malbork am Fluss Nogat. Der riesige Gebäudekomplex gilt als größte Burg der Welt und ist das größte Backsteingebäude Europas. Warum wurde diese gigantische Festung, bekannter unter dem Namen ‚Marienburg‘, erbaut und von wem?

Die Marienburg wurde auf Veranlassung des Deutschen Ordens erbaut, dessen ursprünglicher Name ‚Orden der Brüder vom Deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem‘ lautet. Der Deutschorden war einer der religiösen Ritterorden die im katholischen Europa zur Zeit des Mittelalters bestanden. Andere bekannte Ritterorden dieser Zeit waren beispielsweise der Templer- und der Johanniterorden. Der Deutschritterorden wurde wie die anderen militärischen Ordensgemeinschaften geründet, um die christlichen Pilger im Heiligen Land zu unterstützen und zu beschützen. Zu diesem Zweck errichteten sie Herbergen und Hospitäler.

Deutsche Pilger im Heiligen Land
Der Deutsche Orden wurde zum Ende des 12. Jahrhunderts in Akkon, einer im heutigen Israel liegenden Hafenstadt, gegründet. Die Wurzeln der Gemeinschaft reichen jedoch bis ins Jahr 1143 zurück, als Papst Coelestin II den Johannitern den Betrieb und die Verwaltung eines Hospitals für die deutschsprachigen Pilger übertrug. Obwohl das Haus dem Johanniterorden gehörte, ordnete der Papst an, dass der Prior und die Brüder des Domus Theutonicorum,(des ‚Deutschen Hauses‘) immer deutschsprachige Männer sein müssten. Damit war der Grundstein für eine deutsche Institution im Königreich von Jerusalem gelegt.
Nach der Eroberung Jerusalems durch Saladin 1187 entwickelten einige Kaufleute aus Lübeck und Bremen während der Belagerung Akkons die Idee eines Feldlazaretts. Dieses entwickelte sich zum Kern des zukünftigen Ordens, der 1192 von Papst Coelestin III anerkannt wurde.

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Entwicklung zu einem Ritterorden
Die ersten Brüder folgten der Augustinischen Ordensregel, 1198 wurde diese jedoch in eine, für einen Ritterorden besser geeignete Regel nach dem Vorbild der Templer ersetzt. Der Orden wurde jetzt von einem Großmeister geführt,  folgte päpstlichen Befehlen für einen erneuten Kreuzzug zur Rückeroberung Jerusalems und beteiligte sich an der Verteidigung des Heiligen Lands gegen die muslimischen Sarazenen. Unter Großmeister Hermann von Salza formte sich der Orden endgültig von einer Bruderschaft zur Unterstützung von Pilgern zu einem militärischen Ritterorden.
Kaiser Friedrich II erhob seinen Freund von Salza zum Rang des Reichsfürsten. Als sich Friedrich 1225 zum König Jerusalems krönte, eskortierten ihn die Ritter des Deutschen Ordens in die Grabeskirche. Trotzdem erreichten die Deutschritter im Heiligen Land nie so großes Ansehen wie die Templer oder die Johanniter, vielmehr richtete sich der Blick des Ordens bald Richtung Baltikum und Osteuropa. 

Die Ritter im Baltikum
Eine gute  Gelegenheit in Europa Fuß zu fassen, bot sich 1226 im Nordosten Polens, als der Herzog von Masowien, Konrad I, die Ritter des Deutschen Ordens um militärische Hilfe bat, um die Grenzen seines Herrschaftsgebiets gegen die heidnischen Prußen zu verteidigen. In den nächsten 50 Jahren verwickelte sich der Deutsche Orden in den blutigen Kampf um Land und verfolgten dabei alle Prußen die ungetauft blieben gnadenlos. Schließlich sicherte der Papst und das Heilige Römische Reich den Rittern Eigentumsrechte an dem eroberten Land zu, um dort einen Ordensstaat, ähnlich dem in Malta, zu errichten.
Die Ritter ermutigten und unterstützten Zuwanderung aus dem Heiligen Römischen Reich, um ihre, durch die Kriege stark dezimierte Bevölkerung, zu vergrößern. Die Siedler errichteten neue Städte und der Orden befestigte das Land mit Burgen, um die Angriffe der verbliebenen Prußen abzuwehren.
Da sie ihren Besitz so vorerst gesichert sahen, richteten die Ritter ihre Aufmerksamkeit Richtung Litauen und es dauerte 200 Jahre bis sie auch diese Region erobert und die heidnische Bevölkerung zum Christentum bekehrt hatten. Andere Eroberungen waren beispielsweise die Stadt Danzig und den Landstrich Pommern, welche das Ordensland mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation verband. Mit der Einnahme Danzigs im Jahr 1307 beginnt eine neue Phase der Geschichte des Deutschen Ritterordens, der danach sein Ordenshauptquartier von Venedig auf die Burg Malbork verlegte.

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Der Verfall beginnt
Nach der schweren Niederlage in der Grunwalder Schlacht 1410 gegen eine vereinigte polnisch-litauische Armee begann der Verfall des Deutschen Ordens. Die Ritter verloren schnell an Besitz, militärischer Macht und Einfluss. Schließlich wurden die Mönche von den Prußen verjagt. 1525 konvertierte Großmeister Albert von Brandenburg zum Protestantismus und säkularisierte die verbliebenen Besitztümer außerhalb des Heiligen Römischen Reichs. Nach dem Augsburger Frieden 1555 wurden die ersten lutherischen Mitglieder im Orden zugelassen, obwohl er größtenteils katholisch blieb.
Die militärische Geschichte der Deutschritter endete 1809, als Napoleon Bonaparte den Orden auflöste und dessen Besitz seinem Imperium hinzufügte. Außerhalb von Napoleons Einfluss, in Österreich, existierte der Orden weiter, wo er 1929 vollständig  in einen spirituellen  Orden umgewandelt wurde.

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Der Deutsche Orden im modernen Zeitalter
Hitler war kein Freund des Ordens. Nach der Annektierung Österreichs  durch Nazideutschland 1938 wurde der Orden unterdrückt. In Italien fanden die verbleibenden Mitglieder jedoch Zuflucht. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs wurde der Orden in Teilen Europas wiederhergestellt.
Heute ist der Orden in drei Zweige aufgeteilt, einer ist katholisch, zwei protestantisch welche in den Niederlanden und in Brandenburg angesiedelt sind. Der katholische Zweig  hat heute ca. 1000 Mitglieder, davon 100 Priester, 200 Ordensschwestern und 700 Laien. Die Priester begleiten den Orden spirituell und die Nonnen engagieren sich in Kranken- und Altenpflege. Die Mitglieder sind in Belgien, Österreich, Deutschland, Italien und in der Tschechischen Republik aktiv. Viele der Ordenspriester sorgen sich pastoral um Deutsche in nicht deutschsprachigen Ländern, besonders in Italien und Slowenien. So ist der Deutsche Orden wieder zu seiner ursprünglichen Aufgabe zurückgekehrt: Der Unterstützung und Hilfe Deutscher außerhalb ihres Heimatlandes.

Sankt Bonifatius – Apostel der Deutschen

by Michael Durnan

Sankt Bonifatius, ein englischer Mönch und der erste Erzbischof von Mainz, ist bekannt als Apostel der Deutschen. Er ist auch der Schutzheilige Deutschlands und man sagt von ihm, er habe sich den Weihnachtsbaum ausgedacht.

Sankt Bonifatius wurde im Jahr 675 im angelsächsischen Königreich Wessex geboren und auf den Namen Wynfrid getauft. Wessex bestand aus dem äußeren Westen und Süden des heutigen England. Zum 7. Jahrhundert hin hatten St. Augustine von Canterbury und die von der Lindisfarne-Insel kommenden Mönche St. Aidan und St. Cuthbert die Angelsachsen zum christlichen Glauben bekehrt. Wynfrid war einer der Nutznießer dieses frühen Erblühens der christlichen Kultur und des Lernens.

Die Angelsachsen waren ein germanischer Kriegerstamm, der aus dem nördlichen Europa nach Britannien übersiedelte, nachdem die Römer dieses 410 n. Chr. verlassen hatten. Das Christentum veränderte sie dahingehend, dass es die wilderen Aspekte ihrer heidnischen Kultur beruhigte und befriedete, und ihre ehrenhaften und tugendhaften Qualitäten ansprach.

Kultur und Bildung florierten im christlich-angelsächsischen England unter dem Schutz und der Leitung der neu konvertierten christlichen Könige und der Mönche vin Lindisfarne und Jarrow.

Das Leben eines brillanten Gelehrten
Wynfrid trat im Alter von etwa sieben Jahren in das klösterliche Leben ein, weil ihn die klösterlichen Ideale und die Aussicht auf eine erstklassige Ausbildung ansprachen. Die Mönche erkannten sein akademisches und intellektuelles Potential, und er schien für ein Leben als brillanter Gelehrter vorbestimmt.
Er wurde ein Lehrer der lateinischen Grammatik, schrieb mehrere Abhandlungen und auch lateinische Poesie.

Sein Talent wurde schließlich besonders gewürdigt, als er zum Leiter der Abteischule ernannt wurde. Wynfrids Ruf als hervorragender Lehrer und Gelehrter verband sich mit der Popularität bei seinen Schülern, von denen viele lange Wege auf sich nahmen, um unter seiner Anleitung zu lernen.

Als er etwa 30 Jahre alt war, wurde Wynfrid zum Priester ordiniert. Auch wenn er liebend gerne unterrichtete, so fühlte er sich berufen, als Missionalr zu den heidnischen Völkern Zentraleuropas zu reisen, um ihnen das Licht Christi zu bringen, wissend, dass seine eigenen Vorfahren noch 100 Jahre zuvor in heidnischer Dunkelheit gelebt hatten.

Im Jahre 716 erteilte ihm der Abt Winbert die Erlaubnis zu reisen, und er machte sich auf nach Friesland in den Niederlanden.

Nach seiner Ankunft sah er sich dem starken Widerstand seitens des Stammesfürsten gegenüber, weswegen seine Aufgabe, das Evangelium Christi zu verbreiten, scheiterte. Er kehrte nach Wessex zurück; jedoch verlor er nicht den Mut.

Was der Papst zu Bonifatius sagte
Zwei Jahre später reiste er nach Rom, wo er eine Audienz bei Papst Gregor II. (715-731) hatte.
In einem Brief an seine Schüler schrieb er, dass der Papst ihn mit “einem Lächeln und einem Blick voller Freundlichkeit” empfangen habe und dass er mit ihm in den folgenden Tagen lange und wichtige Gespräche geführt habe, sich über seinen neuen Namen Bonifatius austauschte und ihm in offiziellen Briefen die Mission übertrug, den germanischen Völkern das Evangelium zu predigen.

Ermuntert, inspiriert und getröstet durch die Unterstützung des Papstes und seinen weisen Rat, reiste Bonifatius in die germanischen Länder, und predigte und kämpfte gegen die heidnischen Bräuche, wie Menschenopfer für die nordischen Götter Odin und Thor, wie er auch die grundsätzlichen Ideale christlicher Moral und Ethik verbreitete.

Als der Erzbischof Bonifatius 723 zu Weihnachten aus Rom nach Germanien zurückkehrte, sah er, dass sich die Germanen wieder ihren alten heidnischen Bräuchen zugewandt hatten, und die Wintersonnenwende damit feiern wollten, dass sie eine junge Person unter Odins heiliger Eiche opfern wollten. Er fällte die Eiche, um so die Macht des Chistentums über die der heidnischen Götter zu demonstrieren. Diese historisch verbürgte Begebenheit ist der Ursprung der Legende um den Weihnachtsbaum. Der Legende gemäß ersetzte Bonifatius die gefällte Eiche durch eine Fichte, die er im Gewirr aus Eichenzweigen fand.

Aus seinem tiefen Pflichtgefühl und großem Einsatz heraus schrieb Bonifatius in einem seiner Briefe:

“Wir sind vereint im Kampf für den Tag des Herrn, denn Leid und Elend sind gekommen. Wir sind keine stummen Hunde, schweigsame Beobachter oder Söldner, die vor Wölfen fliehen. Ganz im Gegenteil: Wir sind fleißige Hirten, die über Christi Herde wachen, die den Herrschern und dem einfachen Volk Gottes, den Armen und den Reichen, Gottes Willen predigen ob gelegen oder ungelegen.”

Mit seinem unermüdlichen Einsatz, seiner Hartnäckigkeit und seinem Organisationstalent erreichte Bonifatius Erstaunliches bei den Heiden, mit denen er zusammentraf. Der Papst belohnte ihn daraufhin damit, dass er ihn zum Bischof für ganz Germanien weihte.

Er führte seine Bemühungen mit dem gleichen Einsatz und der gleichen Hingabe fort und dehnte seine Mission auch auf das Land der Gallier aus. Der Nachfolger Gregors II, Gregor III, ernannte ihn zum Erzbischof aller germanischen Völker. Erzbischof Bonifatius gründete auch Abteien für Mönche und Nonnen, um sie zu Leuchtfeuern der Erziehung und Kultur in den germanischen Landen zu machen, so wie sie es auch im angelsächsischen England gewesen waren. Das 743 gegründete Kloster Fulda war das Herz und Epizentrum für die Ausbreitung religiöser Spiritualität und Kultur.

Der Tod des Bonifatius
Im Alter von 80 Jahren, er hatte 52 Mönche um sich geschart, schrieb Bonifatius an den Bischof Lull von Mainz, als er sich daran machte, seine gescheiterte Mission bei den Friesen wieder aufzunehmen:

“Ich möchte das Ziel dieser Reise zum Abschluss bringen; in keinster Weise kann ich mir den Wunsch aufzubrechen versagen. Der Tag meines Endes ist nah und die Zeit meines Todes nähert sich. Wenn ich meinen sterblichen Körper abwerfe, werde ich unsterblichen Lohn erlangen. Du, mein Sohn, sollst die Menschen unablässig aus dem Labyrinth der Verfehlung führen, den Bau des Klosters zu Fulda beenden, der bereits begonnen hat, und meine sterblichen Überreste dort zur Ruhe betten.”

Am 5. Juni 754 begann Bonifatius gerade in Dokkum in den heutigen Niederlanden eine Messe zu feiern, als er von einer Gruppe Heiden attackiert wurde. Er verbot seinen Gefährten Vergeltung zu üben und sagte:

“Hört auf zu kämpfen, gebt den Krieg auf, meine Söhne, denn als Zeugen der Schrift sollten wir nicht Auge um Auge, sondern Gut für Böse geben. Das ist der lang erwartete Tag; die Zeit unseres Endes ist gekommen, habt Mut im Herrn!”

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WO BONIFACIUS ERMORDERT WAR: Dokkum in den heutigen Niederlanden

Dies waren seine letzten Worte, bevor seine Angreifer ihn niederstreckten. Seine Überreste wurden in das Kloster Fulda gebracht, wo er ein Begräbnis bekam, wie es einem Märtyrer und Heiligen gebührt.

Seitdem ist der Hl. Bonifatius als „Apostel der Deutschen“ bekannt.

Mariawald

Fragen von Frau Stevens /Antworten von Abt Josef Vollberg OCSO, Mariawald (Germany)                                                                                                 (Februar 2014)

Die Zisterzienserregel gilt als die strengste Klosterregel der Kirche. Zisterzienser haben in der deutschen Landschaft ihre Spuren hinterlassen. (Wie die Mönche im wahrsten Sinne die deutsche Landschaft gestalteten)
 
Mariawald wurde bereits 4 Jahre vor Beginn der Fahrt von Columbus nach Amerika gegründet. Die Abtei liegt in malerische grüne Felder und Wälder gebettet, in der Nähe der deutschen Grenze zu Belgien und Frankreich.
 
Hier gilt wieder, durch eine besondere Erlaubnis Papst Benedikt XVI, die strenge Regel der Trappisten. Die Mönche feiern die traditionelle, lateinische Messe in der außerordentlichen Form des römischen Ritus.
 
Abt Josef Vollberg OCSO, von Mariawald sprach mit Regina Magazin über seine Abtei, die strengen Regeln und die Anziehungskraft auf Katholiken, die zu den Mönchen kommen um zu beichten, die Messe mit zu feiern und das Leben eines Zisterziensermönches kennenzulernen.

1. Wie viele Jahre ist Mariawald ein Zisterzienserkloster? Wie viele Mönche gab es in der Blütezeit?

Die ersten Zisterzienser kamen am 4. April  1486 nach Mariawald, wo durch die Verehrung einer Pietà eine Wallfahrtsbewegung entstanden war. Dreimal mussten die Mönche das Kloster verlassen: für fast 60 Jahre infolge der Französischen Revolution, dann wieder im Kulturkampf unter Bismarck und schließlich durch die Nationalsozialisten. Aber immer wieder gewährte Gott einen Neuanfang. In der Blütezeit um das Jahr 1900 lebten im Kloster etwa 100 Mönche.

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2. Wie lange sind Sie schon da? Wie viele Mönche haben Sie jetzt?

Ich selbst bin seit 1986 [also genau 500 Jahre nach der Gründung] Mönch in Mariawald. Gegenwärtig gehören zu unserer Gemeinschaft 14 Mönche; 11 leben hier in Mariawald, zwei außerhalb als Einsiedler, und einer ist als Priester in der Schwestern-Abtei „Maria Frieden“ tätig.

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3. Wann haben Sie angefangen, den lateinischen Ritus zu benutzen? Wie viele Ihrer Mönche sind seitdem beigetreten?
Im Sommer 2008 gewährte der Heilige Vater Papst Benedikt XVI. nach einer Privataudienz die Rückkehr der Abtei zu den älteren Regeln des Ordens und zur Feier der Heiligen Messe im Usus antiquor. Die Reform umzusetzen brauchte es natürlich etwas Zeit, denn etwas Verlorenes kann man nicht sogleich wiederherstellen. Seit 2009 wird bei uns die Heilige Messe regelmäßig nach den Büchern, die 1963 gültig waren, gefeiert.

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Seither melden sich immer wieder Interessenten, die unseren Weg kennenlernen und evt. beschreiten möchten. Zehn von ihnen sind nach langer Prüfung aufgenommen worden, also im Schnitt zwei pro Jahr, aber sieben von diesen haben das Kloster früher oder später wieder verlassen. Der Grund war häufig – im Gegensatz zur vorherigen Einschätzung – mangelnde Eignung und die Tatsache, dass sie sich den Anforderungen der strengen Regel nicht gewachsen fühlten. (Mehr dazu siehe unter Nr. 7.) Von den gebliebenen Dreien hat einer bereits die Ewige Profess abgelegt.

4. Ist es schwierig, die Deutschen Katholiken in der Gegend kennenzulernen? Wissen die Nachbarn, dass Sie den alten Ritus mit Chor feiern? Nehmen sie dort an der Messe teil?

Die Eifel, jene Mittelgebirgslandschaft, in der unsere Abtei liegt, ist eine ursprünglich katholische Gegend. Schwierigkeiten, Kontakt zu Katholiken zu haben, gibt es nicht. Mariawald ist durch die Reform weit über die Region hinaus bekannt.

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Das Hochamt am Sonntag ist meistens gut besucht, obwohl das Kloster sehr einsam liegt und in den benachbarten Orten und Dörfern die Gelegenheit zur Teilnahme am Gottesdienst besteht, dort natürlich im Novus Ordo. Es gibt offenbar eine beachtliche Anzahl von Gläubigen, die den überlieferten Ritus so sehr schätzen, dass sie einen weiten Weg nach Mariawald auf sich nehmen.

                                                                                                      
5. Ist es Ihnen gelungen, viele jungen Menschen zu gewinnen? Was bringt sie, meinen Sie, nach  Mariawald?

Ich glaube, dass unsere Gottesdienstteilnehmer die Struktur der Bevölkerung eher widerspiegeln, als es sonst in den Gemeinden meistens der Fall ist.

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In Mariawald sind nicht nur die Alten, hier sind nicht fast nur Frauen, hier sind auch die Männer zwischen 20 und 40, und sogar ein paar Kinder.  Zu sagen,  wir zögen „viele junge Leute“ an, wäre freilich übertrieben.

Warum kommen diese alle? Vielleicht erleben sie, dass die Ehrfurcht Gott gegenüber, dass die Teilnahme am Mysterium des Opfer- und Erlösungstodes Jesu hier in größerer Angemessenheit mitvollzogen werden kann als in manchen Fehlformen des Novus Ordo. Diese Menschen wollen nicht durch Animation abgelenkt werden; sie lieben die aller Subjektivität enthobene Strenge des Ritus, sie schätzen die im Schweigen und im Schwingen der Gregorianik sich vollziehende Hingabe.

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6. Spenden Sie dort den Laien die Sakramente, beispielsweise die Beichte?  

Da wir keine Pfarrgemeinde sind, beschränkt sich unsere Sakramentenspendung auf die Eucharistie und die Beichte. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen, vor allem Männer, eigens nach Mariawald kommen, um zu beichten. Deshalb gibt es hier nicht nur mehrere feste Beichtzeiten in der Woche, sondern fast zu jeder Zeit kann unser Prior zum Beichtehören gerufen werden.

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7. Können Sie einen Tag im Leben Ihrer Mönche beschreiben?              

Der Tag eines Mönchs in Mariawald beginnt um 2.30 Uhr in der Nacht, denn um 3.00 Uhr fängt der Gottesdienst an. Das Gebet durchdringt die Finsternis und führt aus der Nacht zum Licht des wiederkehrenden Christus. Nach den Vigilien, der ersten der Gebetszeiten, folgen Laudes und Prim, dann die Tageshoren Terz, Sext und Non sowie schließlich die Vesper und um 19.15 Uhr die Komplet, das Nachtgebet. Der Höhepunkt des Tages aber ist am Morgen die Feier des heiligen Messopfers. Indem der Mönch sich mit Christus dem himmlischen Vater zum Opfer darbringt, erfüllt er sein Gelübde, und gleichzeitig leistet er durch dieses Opfer und sein Beten einen stellvertretenden Dienst für die ganze Welt. – Die Zeit zwischen den Gottesdiensten verbringt der Trappist mit geistiger und körperlicher Arbeit, z. B. mit Studium, geistlicher Lektüre, Garten- oder Haushaltsarbeiten. Neben einer möglichen Mittagsruhe bleiben für den Schlaf in der Nacht nur knapp sieben Stunden. Das Essen ist einfach und fleischlos. Im immer gleichen Rhythmus seines Lebens übt sich der Mönch in die zeitlose Gegenwart Gottes ein.

 

 

 

 

 

Deutschland eine führende Nation

Heutzutage ist Deutschland eine führende Nation. Schöne Autos, gepflegte Kulturlandschaften, saubere Städte, ein Wohlfahrtsstaat, der sich um alle kümmert – Deutschland, nach dem zweiten Weltkrieg die Paria-Nation schlechthin wurde 2013 zur am meisten bewunderten Nation gewählt.

Das eine aufregende Sache für die drei Generationen seit Hitler, die das vom Krieg zerstörte Land mit einer traumatisierten Bevölkerung und dem Marshall-Plan wieder aufgebaut haben.

Die deutsche Sprache und Ideologie
Häufig werden die Deutschen und ihre Kultur mißverstanden, was wohl auch auf die schwierige Sprache und eigenwillige Kultur zurückzuführen ist. Schon seit langen weisen Linguisten darauf hin, daß die deutsche Sprache eine Präzision aufweist, die im Englischen und in den romanischen Sprachen schwer abbildbar ist. Aus diesem Grund wurde das Deutsche im 18. und 19.Jahrhundert als die am besten für den wissenschaftlichen Diskurs geeignete Sprache angesehen. (Volle Offenlegung meinerseits: Obschon ich aus New York stamme, wurde ich mit Deutsch als meiner Muttersprache aufgezogen und spreche es daher fließend.)

Die deutsche Sprache ist auch der Schlüssel, um die deutsche Vorliebe für Ideen zu verstehen, seien es gute, schlechte oder unbedeutende. Von Luther zu Marx und Freud, von Heidegger zu Nietzsche und Hitler, die deutsche Geschichte ist reich an Gestalten, deren Ideen großen Einfluß auf die Welt ausgeübt haben. Natürlich führen Ideen schnell zu Ideologien – die National-Sozialisten haben die zerstörerische Macht einer mit Inbrunst umgesetzten Ideologie hinreichend belegt.

Dies führt uns zur genaueren Betrachtung der eigenwilligen deutschen Kultur. Viele fragen sich wie eine derart moderne, in die Zukunft blickende Nation wie das Deutschland des 19.Jahrhunderts sich im 20.Jahrhundert in eine Kriegsmaschine und während der Shoah zu Händlern des Todes und der Zerstörung verwandeln konnte. Dies ist eine verstörende Frage, allen voran für die nachfolgenden Generationen.

Die Modernisierung der Deutschen
Seit dem letzten Krieg haben deutsche Sozialingenieure sich bemüht, einer Kultur mit einer mehrere Jahrtausende alten Geschichte von strengem Gehorsam gegen die Autorität Unangepaßtheit einzuflössen. Damit erreichten sie allen voran, daß die deutschen Jugendlichen in ihrer Begeisterung für Konsum, vom Internet geförderten Trends und exotische Reisen übereinstimmen.

Was die meisten jungen Deutschen dagegen nicht anstreben, ist zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen. Trotz einer staatlichen Kinderförderung für jedes Kind werden keine Familien gegründet, denn zu schwer ist die Last weit verbreiteten Spotts für die traditionelle Hausfrau. Einige junge Familie mit mehr als zwei Kindern erzählen, daß sie von Fremden gemaßregelt wurden wegen ihres „anti-sozialen“ Verhaltens. Eine Familie zu gründen gilt in Deutschland definitiv nicht als „cool“.

Heutzutage sehen wir, daß diese kulturellen Faktoren – Ideologie, Konformismus und Materialismus – unter den deutschen Katholiken erneut eine Rolle spielen. Die Statistiken der deutschen Bischöfe zeigen, daß die Katholische Kirche in Deutschland ernsthaft gefährdet ist – die Katholiken verlassen die Kirche in Scharen und der Großteil jener, die weiterhin der Kirche angehören, gehen nicht zur Kirche. (Zu den Hintergründen der Austrittswellen siehe hier.)

Daher ist es wenig überraschend, daß der typische Kirchgänger älter als 70 Jahre ist. Er sitzt passiv in der Kirche während ergraute Priester über Politik predigen. (Nicht einmal unmittelbar nach der Hl.Messe erinnern sich die meisten Kirchgänger an den Inhalt der Predigt und geben zu, daß sie der Predigt überhaupt nicht andächtig folgten.) Die jüngere Generation betritt die Kirche nur für die seltenen Hochzeiten, die Erstkommunion oder die Taufe.

In dieser alternden Gesellschaft sind Begräbnisse so häufig, Priester in einigen Diözesen nicht für sie verschont werden. Selbst Katholiken lassen sich häufig einäschern und begraben oder ihre Asche wird über den Waldboden verstreut ohne daß ein Priesters anwesend ist. In vielen Pfarren wird einmal im Monat ein Requiem für alle Verstorbenen gelesen und dies beinahe ohne Anteilnahme der Verwandten oder der Pfarre.

Sagenhaft reich & bekanntermaßen liberal
Was geht in Deutschland vor sich? Die Kirche in Deutschland ist sagenhaft reich. 9% der von Katholiken entrichteten Einkommenssteuer fließen an die Kirche. (Wer seinen Kirchenbeitrag nicht entrichtet, kann die Sakramente nicht empfangen.) Die deutschen Bischöfe leben und agieren wie Vorstandsvorsitzende. Und das sind sie auch, denn schließlich beschäftigt die Kirche 650.000 Deutsche. Damit ist die Kirche der zweitgrößte Arbeitgeber nach dem deutschen Staat und zählt mehr als sechs Mal so viele Beschäftigte wie Mercedes Benz.

Die deutsche Kirche ist auch bekanntermaßen liberal. Immer und immer wieder fordern Bischöfe und Theologen öffentlich, daß Rom seine „überkommenen“ Ideen aufgeben und sich dem Zeitgeist anpassen soll. Für Außenstehende mag diese Arroganz unverständlich sein, aber es ist wichtig den Kontext dafür zu verstehen.

Die Breitseiten der Bischöfe gegen Rom versuchen, den Empfindlichkeiten der deutschen Elite und Medien nachzugeben. Die deutschen Bischöfe wenden unbeschreiblich viel Zeit auf, um über die Unterstützung von Notleidenden zu sprechen, weil dies die einzige Aufgabe ist, die die meisten Deutschen der Kirche bereitwillig zugestehen. In den moralischen Fragen wird jedoch erwartet, daß die Kirche eine säkulare Position einnimmt und dies tut sie auch.

Der einfache deutsche Katholik ist gewöhnt an das üppige Leben der Prälaten und die hohe Politik von Kirche und Staat und ist von solch einem verbalen Feuerwerk geblendet. Sie wissen, daß der jahrhundertelange grausame Machtkampf zwischen dem Staat und der Kirche sowie zwischen den Protestanten und den Katholiken im Laufe der tragischen Geschichte Deutschlands eine breite Spur der Zerstörung hinterlassen hat. Die Diaspora der Deutschen erstreckt sich auf die neue Welt, Osteuropa und Rußland und ist das Ergebnis der Kriege und der von ihnen verursachten Hungersnöte. (Falls Ihre Familie aus Deutschland stammt, ist dies vermutlich der Grund.)

Gegen Rom rebellierende Kleriker sind in Deutschland nichts Neues.

Die deutsche Avant-Garde nach dem 2.Weltkrieg
Das deutsche Wort „Ersatz“ hat es sogar in den englischen Wortschatz geschafft. Hier, im Heimatland der Ideologien, findet sich gewissermaßen ein „Ersatz“-Arianismus, der mit fester Hand die vielen Milliarden Einnahmen der Katholischen Kirche kontrolliert.

Im 20.Jahrhundert ist Deutschland der ideale ‚ground zero‘ für die Ideologie des Modernismus gewesen. Nach dem 2.Weltkrieg zeichnete eine Avant-Garde an deutschen Theologen dafür verantwortlich, ungenau umrissene Reformen in der Liturgie und in der Bekleidung durch das 2.Vatikanische Konzil beschließen zu lassen. Josef Ratzinger zählte zu dieser Gruppe. Seine spätere 180-Grad-Wendung brachte ihm die dauerhafte Gegnerschaft früherer Mitstreiter in der deutschen Kirche ein wie die von Karl Lehmann, dem einflußreichen Kardinal von Mainz und wie die des theologischen Freidenkers Hans Küng. (In einer vermutlich hiezu nicht in Beziehung stehenden Entwicklung hat Dr.Küng vor kurzem der Weltpresse bekannt gegeben, daß er beabsichtigt Selbstmord zu begehen. Er hat „nur“ angekündigt, sich die Option offen zu lassen. Er trat hiezu der Sterbehilfeorganisation „Dignitas“ bei.)

Die modernistischen Neuerungen wurden mit großem Eifer in den vergangenen Jahrzehnten eingeführt, nicht zuletzt in der Kunst und in der Architektur. Touristen, die die Schönheit von englischen und französischen Kirchenfenstern gewöhnt sind, sind in Deutschland häufig enttäuscht. Die alten Kirchenfenster wurden durch die heftigen Bombenangriffe zerstört und wurden durch Kirchenfenster zweierlei Art ersetzt: entweder glanzlos und billig oder häßlich und teuer. Die Heiligenfiguren des Mittelalters und des Barock wurden aus den deutschen Kirchen verbannt und werden in Diözesanmuseen ausgestellt, wo sie von Kulturinteressierten bewundert werden können anstatt von den Kirchgängern.

Die von frommen Figuren und Bildern gereinigten Kirchen sind de facto ein Beweis für den Bildersturm, der sehr gut zu dem „Ersatz“-Katholizismus paßt, der von den gut bezahlten Theologen der Gegenwart propagiert wird. Es ist eine Form des Arianismus, der unter einem neuen Namen auftritt. Diese Theologen haben mehr oder weniger entschieden, daß jede intelligente Person in der Lage sein sollte zu erkennen, daß Jesus von Nazareth nichts anderes als bloß ein besonders wirkungsvoller Sozialreformer gewesen ist. In Deutschland ist dies gegenwärtig der „gewöhnliche“ Katholizismus.

Ein bedrückender Priestermangel
Wenig überraschend begeistert ein Studium über einen netten Kerl, der vor 2000 Jahren in Jerusalem lebte, kaum jemanden, weswegen es in Deutschland nur wenige Seminaristen gibt. Dies ist allerdings schon seit Jahrzehnten der status quo, weshalb der Priestermangel enorme Ausmaße angenommen hat. Die meisten Pfarren müssen sich einen Priester teilen. In einigen Gegenden, die früher katholisch waren, ist ein Priester für bis zu 5-6 Pfarren zuständig.

Der Priestermangel wird zum Teil kompensiert mit Priestern, die aus ärmeren Ländern „ausgeliehen“ werden. Ihr Priestergehalt wird in ihren Heimatdiözesen bitter benötigt. Die mangelnde Sprachbeherrschung und der verwundbar status stellt sicher, daß sie keine Trendwende einleiten werden. (Jeder Versuch, Gelder für die bitterarmen Menschen zu Hause zu erbitten, wird eiskalt abgelehnt.)

Damit will ich nicht sagen, daß es in Deutschland keine vorbildlichen Priester gäbe. Diese wenigen, frommen Männer arbeiten sehr hart in einem Land, in dem sich der römische Kragen schon seit Jahrzehnten keiner großen Beliebtheit mehr erfreut. (Jene Priester, die den römischen Kragen in der Öffentlichkeit tragen, ernten von den Passanten böse Blicke, wenn nicht sogar offene Aggression.) Sie müssen die Sakramente in Pfarren verwalten, die von ahnungslosen Laien geleitet werden und die während der Hl.Messe Kaffee und Kuchen servieren wollen, Powerpoint-Präsentationen zeigen wollen anstatt der Predigt oder sogar während der Eucharistischen Anbetung oder von Kindern ein Theaterstück spielen lassen wollen und das während er Hl.Messe. (Wir haben diese Vorkommnisse persönlich erlebt. Der Begriff „liturgischer Mißbrauch“ ist in Deutschland nicht bekannt.)

Die Laien in Deutschland tragen nicht die alleinige Schuld, weil allerorten der Mangel an Glaubensunterweisung offensichtlich ist. Kaum jemand geht zur Beichte. Nur einige wenige machen eine Kniebeuge, wenn sie sich in die Kirchenbank setzen. Die meisten Katholiken haben von der Realpräsenz im Tabernakel keine Ahnung, der häufig eine seltsam geschmückte Box ist, die aus unerfindlichen Gründen neben einer erhöhten Plattform plaziert ist.

In den meisten Pfarreien sind Priester wie Laien unwillig, persönliche Stellungnahmen abzugeben. Der Grund liegt darin, daß einige Deutsche das Kirchengeschehen mit hoher Aufmerksamkeit verfolgen, was für ein erklärt agnostisches Volk durchaus seltsam ist. Dies belegt vor kurzem der Fall des Bischofs von Limburg, der öffentlich gedemütigt wurde und zwar vordergründig wegen Geldverschwendung. In einer bezeichnenden Zurschaustellung von Gruppendenken wurde dieser Sprößling einer berühmten Adelsfamilie in den Medien vorgeführt und zum gleichsam Rücktritt  gezwungen. Mehr als nur einige Priester haben im privaten Gespräch zugegeben, daß das Verbrechen des Bischofs nicht die Verschwendung von Geld wäre sondern sein Bemühen, in dieser außer Kontrolle geratenen Diözese wieder die Orthodoxie herzustellen. (Seither wurde die Diözese Limburg in aller Stille aufgelöst).

Die deutsche Kirche stigmatisiert den außerordentlichen Ritus
Faschings-Messen, “Messen”, denen Frauen vorstehen, Gottesdienste mit aus den Ärmeln geschüttelten Liturgien, dies alles findet sich in deutschen Kirchen. Vielen Katholiken zufolge ist der außerordentliche Ritus die eine Neuerung, die von den Machtstrukturen der deutschen Kirche nur ungern erlaubt wird. In einem Land, das erklärtermaßen kein Interesse an kirchlichen Angelegenheiten hat, locken im Internet publizierte Artikel über die außerordentliche Form eine bemerkenswerte Anzahl von wütenden Kommentatoren hervor, die sich selbst als „normale“ Katholiken bezeichnen. Es ist daher wenig überraschend, daß Katholiken, die den überlieferten Ritus schätzen, in ihren Familien oder gegenüber ihren Nachbarn Stillschweigen über ihre Vorliebe bewahren aus Angst vor einer Ächtung.
Außenstehenden kann vergeben werden, wenn diese sich in Erinnerung rufen, daß dieses soziale Stigma stark an eine frühere, dunkle Zeit erinnern, als der Widerstand gegen die Ideologie des National-Sozialismus mit ähnlichen Mitteln geahndet wurde. (Vertiefende Einblicke über das Schicksal derjenigen, die dem Zeitgeist des National-Sozialismus Widerstand leisteten, siehe hier.) Es ist faszinierend, daß die Verunglimpfung der Messe aller Zeiten scheinbar in Zusammenhang steht mit dem National-Sozialismus.

Wer zeichnet für diesen bemerkenswerten Zusammenhang verantwortlich? Was ist seine Essenz? Sorgfältige Untersuchungen haben uns keine Erkenntnisse gebracht. Wir waren nur in der Lage eine Abneigung gegen Tradition zu erkennen und einen fast vollständigen Mangel an Geschichtswissen, der in der kultur-revolutionären Bewegung der 1960er wurzelt. Diese Epoche hat in der Zwischenzeit den Heiligenschein der Rechtschaffenheit erhalten.

Die ergrauende Generation der 68er, die im Schlüsseljahr 1968 ihre Studienzeit an der Universität verbrachten, wird weiterhin für ihren “mutigen” Widerstand gegen die national-sozialistische Vergangenheit ihrer Eltern geehrt. Deren Geschmäcker und Ideen dominieren in Deutschland alles. Ist es ein bloßer Zufall, daß die Kinder dieser 68er bei der Gründung einer Familie scheitern? Eines ist gewiß: das anstehende Versterben dieser Generation wird ohne die Spendung des Sterbesakramentes vor sich gehen und die Toten werden nicht bei einem Requiem betrauert werden.

Aber es ist möglich, daß die Stigmatisierung des außerordentlichen Ritus bloß ein Beweis dafür ist, daß die arianisch geprägten Machtstrukturen ihre Verdrängung mit allen Mitteln verhindern wollen. Letzten Endes hat eine durch und durch moderne Kirche nur zwei Kräfte zu fürchten: die Säkularisierung oder den Einfluß des Glaubens, sprich des wahren Glaubens.

Gibt es für eine durch und durch moderne Kirche eine Zukunft?
Wenn der wahre Glaube in Deutschland nicht vorherrscht, nehmen es die meisten Deutschen gegenwärtig hin, daß die Verstaatlichung des Kirchenvermögens unvermeidlich ist und dies vermutlich innerhalb der nächsten 20 Jahre geschehen wird. Dies wird geschehen, weil die nahezu 650.000 Angestellten der Kirche nicht bezahlt werden können mit den 9% der Einkommenssteuer von toten Katholiken. Eine demographische Falle zeichnet sich ab.

Warum ist Deutschland auch für nicht-deutsche Katholiken so bedeutsam? In kurzen Worten, weil der Reichtum Deutschland politisch einflußreich macht. Deutschland ist und bleibt die wirtschaftliche Lokomotive in der Europäischen Union. Einfluß geht einher mit Vermögen – dies ist ebenso wahr im Vatikan wie im Kongreß, im Parlament oder im Bundestag.

Aber welche Zukunft hat der katholische Glaube in einem Land mit einer schrumpfenden Bevölkerung, einer breiten Ablehnung von Dogmen und ohne Seminaristen?

Gott sei’s gedankt – die Zukunft ist nicht so düster wie es auf den ersten Blick scheint.

Dies liegt daran, daß der Katholische Glaube diese Zivilisation formte, auch wenn dies den meisten “gebildeten” Deutschen heutzutage nicht bewußt ist. Alles begann mit einem Mönch aus England, der im 7./8.Jahrhundert auf seiner Missionsreise nach Mainz kam. Und heute, mutige deutsche Katholiken riskieren sowohl von der Gesellschaft als auch ihrer Kirche geächtet zu werden und dennoch den Glauben an die nächste Generation weitergeben.

Unsere Geschichte beginnt mit Bonifatius – und “The Secret Catholic Insider Guide to Germany” setzt seine Berichterstattung fort und zeigt, wie sich das Schiff Petri inmitten der schlimmsten ideologischen Stürme über Wasser hält.

Denn selbst in Deutschland wird der Glaube nicht aussterben.

Im Christus,

Beverly Stevens

Wiesbaden

Marz 2014

BENEDICAMUS DOMINO

von Beverly Stevens

„Das Wichtigste für mich ist, nicht so wie meine Mutter zu enden“, sagte ich zu meiner Therapeutin Dr. Becker, die missbilligend nickte. Ich wusste, dass sie das anders sah – denn es ist nicht gesund für eine Frau, sich nicht mit der eigenen Mutter zu identifizieren.

Eigentlich gibt es nichts an meiner Mutter auszusetzen; sie ist wie alle anderen Frauen ihrer Generation in Deutschland: Man nennt sie die „68er“ – damit meint man die westdeutsche, politische Studentenbewegung der 60er-Jahre, die gegen die zu dieser Zeit herrschenden Verhältnisse kämpfte und damit die Ära des modernen Deutschlands als Europas führende Macht einleitete. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts regierten hier in Mitteleuropa die 68er.

Ich suchte eine Therapeutin auf, weil ich, eine erfolgreiche Frauenärztin, mich mit meinen 32 Jahren so mutlos und niedergeschlagen fühle. Dabei muss man wissen, dass mich mein Partner Andreas verlassen hat. Wir waren seit der Universität zusammen gewesen.

Es war eine wundervolle, sorglose Zeit damals und bald hatten wir Otto, einen kleinen, entzückenden Welpen, der tatsächlich fast wie ein Kind für uns war. Als er zwölf Jahre später alt war und starb, wurde aus unserer tiefen Trauer um ihn ein riesiger schwarzer See, der bald sowohl unser Schlafzimmer als auch die Langeweile unseres gemeinsamen Lebens überflutete.

Nicht lange danach gestand mir Andreas, dass er eine neue Stelle angenommen hatte – es war eine wichtige Beförderung an der Uniklinik in Hamburg, 500 km entfernt von der Universitätsstadt, in der wir seit unserem Studium gelebt hatten. Er beteuerte, unsere Beziehung würde sich nicht ändern und er könne ein solch gutes Angebot nicht ausschlagen.

Ich kannte ihn zu lange, um mich von seinen Lügen täuschen zu lassen. So stahl er sich Stück für Stück aus meinem Leben, ich ließ ihn in meiner Hilflosigkeit widerwillig gehen.

Ich kannte ihn zu lange, um mich von seinen Lügen täuschen zu lassen. So stahl er sich Stück für Stück aus meinem Leben, ich ließ ihn in meiner Hilflosigkeit widerwillig gehen.

Ich verlor nicht den Mut – bis ich erfuhr, dass er längst eine Frau in Norwegen geheiratet hatte, die ein Kind von ihm erwartete. Eine Hochzeit war bei uns nie ein Thema gewesen und ich hatte es für selbstverständlich gehalten, dass wir immer zusammen bleiben würden. Es schien nie nötig, zu heiraten.

Meine Familie war keine große Hilfe bei alledem. Meine Mutter zuckte mit den Schultern, warf ihr langes graues Haar nach hinten und versuchte verständnisvoll und mitfühlend auszusehen. Sie hält von Männern nicht besonders viel. Sie hat zu viel erlebt. Die Beziehung zu meinem Vater war eine von vielen. Früher sah ich ihn zweimal im Jahr, wenn der jeweils aktuelle Liebhaber meiner Mutter mich und meine Schwester Sabine für einen kurzen Besuch nach München fuhr. Obwohl er ein brillanter Mathematiker war, war er schlicht und einfach ein Kiffer – und sobald er konnte, machte er sich aus dem Staub nach Portugal, wo er nun in einem heruntergekommen Bauernhaus lebt, abstrakte Bilder malt und Gras raucht.

Unser Halbbruder Stefan ist 10 Jahre jünger als ich. Er ist ein ostdeutscher LKW-Fahrer, wie schon sein Vater einer war. Und wie schon sein Vater arbeitet er hart und ist ungehobelt. Meine Mutter lebt immer noch mit dem Vater meines Halbbruders zusammen. Ich weiß aber, dass der einzige Grund dafür die Angst vor dem Alleinsein ist. Er ist bei Weitem nicht das, was sie, eine pensionierte Lehrerin, sich für sich gewünscht oder jemals erwartet hätte. Was mich betrifft, so respektiere ich sowohl meinen Stiefvater als auch meinen Halbbruder, aber wir sind nicht oft einer Meinung.

„Du bist wie alle anderen deutschen Frauen“, sagte Stefan, während er in großen Zügen sein Bitburger trank. Es war Heiligabend und wir waren bei unsern Eltern. „Du denkst, du bist zu gut für deutsche Männer. Das ist der Grund dafür, dass deutsche Männer ausländische Frauen heiraten. Ihr  Frauen habt gar kein wirkliches Interesse daran, eine Familie zu haben. Der Feminismus hat euch ruiniert“.

„Du bist wie alle anderen deutschen Frauen“, sagte Stefan, während er in großen Zügen sein Bitburger trank. Es war Heiligabend und wir waren bei unsern Eltern. „Du denkst, du bist zu gut für deutsche Männer. Das ist der Grund dafür, dass deutsche Männer ausländische Frauen heiraten. Ihr  Frauen habt gar kein wirkliches Interesse daran, eine Familie zu haben. Der Feminismus hat euch ruiniert“.

Das allein war schon empörend genug, aber die spätere Unterhaltung mit meiner 37-jährigen Schwester war es, die das Fass zum Überlaufen brachte. Sie hatte eindeutig zu viel getrunken.

„Du denkst, sei ich ziemlich langweilig, weil ich Lehrerin bin, nicht wahr?“, sagt sie angetrunken und herausfordernd. Alle anderen waren schon schlafen gegangen. Sabine lebt in Wiesbaden. Sie hat eine gute Stellung, ein ausgezeichnetes Einkommen und keinen Mann, seitdem ihre letzte Beziehung auseinanderging. „Ich glaube, du wärst überrascht, wenn du wüsstest, wie viel Spaß ich haben kann.“

Ohne dass ich sie unterbrechen konnte, sprudelte alles aus ihr heraus – wie sie sich auf einer Webseite registriert hatte, die ihr heiße Dates vermittelt. Sie versicherte mir, alles sei vollkommen legal und einwandfrei. Alle Männer seien attraktiv und sie müsse niemals etwas gegen ihren Willen tun.

„Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass ich eine starke Libido habe“, erzählte sie mir durchtrieben flüsternd, dass ich eine Gänsehaut bekam. „Wahrscheinlich geerbt, meinst du nicht auch?“

„Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass ich eine starke Libido habe“, erzählte sie mir durchtrieben flüsternd, dass ich eine Gänsehaut bekam. „Wahrscheinlich geerbt, meinst du nicht auch?“

All dies brachte mich in Dr. Beckers Praxis, wo ich stundenlang in die Taschentücher heulte, die sie ganz diskret neben dem tiefen, geschwungenen Ledersessel im Bauhausstil platziert hatte, den ich einmal pro Woche besetzte. Sie war freundlich, verstand aber nicht, warum ich einige dieser Dinge so nicht akzeptieren konnte. Obwohl ich selbst eine studierte Ärztin war und mir völlig klar war, wie moderne Menschen lebten, konnte ich nicht anders, als mir etwas besser zu wünschen und davon zu träumen.

„Was ist es also, was Sie glücklich machen würde?“, fragte Dr. Becker. „Sie sind nicht wie Ihre Mutter oder wie Ihre Geschwister. Sie haben hart für Ihr Studium gearbeitet. Sie sind Profi und es gewohnt, Ziele zu setzen. Wo möchten Sie in fünf Jahren sein? Wie stellen Sie sich Ihr Leben vor?“

Die einzige Antwort, die mir sofort in den Sinn kam, war peinlich direkt: Ich will Kinder. Ich will eine Mutter sein – vielmehr noch: Ich will erfolgreich sein, wie es meine Mutter nie gewesen war. Ich wollte einen Ehemann, für immer. Und ich wollte eine Familie, die für immer bestehen sollte.

Obwohl sie mich zweifelsohne lächerlich findet, ist Dr. Becker eine gute Therapeutin und eine praktisch denkende Frau. „Einiges können Sie selbst kontrollieren – wo ist jetzt das Problem?“

Das Problem war natürlich, dass ich keinen Mann hatte. Und ich wusste, dass es ein nahezu  unerreichbares Ziel ist, heutzutage in Deutschland einen Mann zu finden, den man heiraten kann und mit dem Kinder haben kann. Aber das war es nicht, was Dr. Becker meinte.

Das Problem war natürlich, dass ich keinen Mann hatte. Und ich wusste, dass es ein nahezu  unerreichbares Ziel ist, heutzutage in Deutschland einen Mann zu finden, den man heiraten kann und mit dem Kinder haben kann.

„Tu es nicht“, sagte Jennifer zum x-ten Mal. Sie ist Amerikanerin und Kinderärztin und hat in Mainz studiert. Sie ist, wie ich, ziemlich jung und Single. Im Gegensatz zu mir ist sie religiös. „Du hast es nicht nötig, so wie diese Leute zu leben. Es ist eine Sackgasse. Es gibt einen besseren Weg zu leben. Es gibt Hoffnung.“

„Wahrscheinlich sind 5 von 10 deutschen Frauen auf der Entbindungsstation durch künstliche Befruchtung schwanger“, antwortete ich und versuchte rational zu klingen, als wir, leicht vorgebeugt gegen den Frühlingswind, durch die Stadt gingen. „Die meisten von ihnen sind über 35  und nicht verheiratet. Warum sollte ich solange warten?“
Ich konnte mit Jennifer so offen reden, weil wir Freundinnen sind. Ich sage das mit allem nötigen Respekt gegenüber jedem Europäer, der denkt, dass die Amerikaner unkorrigierbar oberflächlich seien und unfähig, wahre Freundschaften zu schließen. Als Andreas auszog, war ich praktisch für Tage von der Trauer gelähmt. Jennifer blieb geduldig bei mir, schlief auf dem Sofa und kochte einfache Mahlzeiten für mich, sprach endlos über ihren Gott, und darüber, wie ER mir helfen würde, wenn ich IHN nur fragen würde.

Obwohl ich die Rührseligkeit schätze, stieß sie auf taube Ohren – vielleicht, weil ich nicht aus einer religiösen Familie komme. Die Vorstellung von Religion, die meine Mutter hatte, lag irgendwo zwischen keltischen Erdgöttinnen und Tarot. Meine Geschwister und ich haben uns in Bezug auf diese Dinge in unserer Schulzeit und Ausbildung die gute deutsche Skepsis angeeignet. Was das angeht, sind wir wie die meisten Europäer. Um ehrlich zu sein, wird mir bei Gesprächen über Religion mulmig zumute.

Weil ich so früh nachdem Andreas mich sitzengelassen hatte diese Erfahrungen an Weihnachten gemacht hatte, klang Dr. Beckers Vorschlag, einfach zu einer Samenbank zu gehen, sehr verlockend.

„Keine gute Idee. Schau dir doch mal diese Frauen an!“, antwortete Jennifer sichtlich aufgebracht. „Ich sehe sie in meiner Praxis, alle grimmig und gestresst, ohne Mann oder zwischen Liebhabern. Ihre Kinder klammern sich an sie und beschimpfen sie abwechselnd – abhängig davon, ob der aktuelle Mann im Bilde ist oder nicht. Ich versichere dir, es ist keine gute Idee. Diese ganze Lebensweise – die Verhütung, die Abtreibungen, künstliche Befruchtungen… sie spielen Gott. Frauen verdienen etwas Besseres. Du verdienst etwas Besseres.“

Diese ganze Lebensweise – die Verhütung, die Abtreibungen, künstliche Befruchtungen… sie spielen Gott. Frauen verdienen etwas Besseres. Du verdienst etwas Besseres!

Ungewollt schossen mit plötzlich Tränen in die Augen. Ich schluckte schwer. Ich weiß nicht warum, aber plötzlich konnte ich nur noch an Abtreibungen denken. Ich dachte gar nicht einmal an die jungen Mädchen, die panisch in unsere Klinik kommen, manchmal begleitet von ihren grimmig dreinschauenden Müttern (übrigens ist fast nie der Freund dabei). Nein, vielmehr dachte ich an die gezielten Abtreibungen, wenn zu viele Babys durch die künstliche Befruchtung erzeugt wurden und eines getötet werden muss – oder gar mehrere.

Als Jennifer vor 3 Jahren ankam, machte sie sich in der Klinik einen Namen, indem sie höchst publikumswirksam auf dieses Problem aufmerksam machte. Danach traute ihr niemand in der Klinik mehr über den Weg. Sie wurde als religiöse Fanatikerin betrachtet. Sie geriet ins Abseits und wurde fast unsichtbar in der Klinik. Solch eine Marginalisierung hätte fast jede Deutsche aus der Berufsbahn geworfen, aber Jennifer ist Amerikanerin. „Ich habe viele Freunde“, sagte sie schulterzuckend und lächelte mich gewinnend an. „Ich habe es nicht nötig, bei den Leuten in der Klinik beliebt zu sein.“

Irgendwas an ihrer Art mochte ich und wir wurden Freundinnen. So kam es auch, dass ich an diesem Abend schluchzend im hinteren Teil einer Kapelle aus dem 18. Jahrhundert endete, die zu einem Altersheim gehörte. Stumme Tränen rannen über mein Gesicht, als ich Jennifer wie benommen zu der nahen katholischen Kapelle folgte, wo sie jeden Abend nach der Arbeit zur lateinischen Messe ging.

Sie hatte mich schon früher eingeladen und mir von der Gruppe junger Katholiken erzählt, die zur lateinischen Messe kamen. Aber wie ich schon sagte, bin ich kein religiöser Mensch. (Um ehrlich zu sein, hatte ich mir unerträgliche Sonderlinge vorgestellt, die einem gräulichen Priester folgten. Natürlich würde ich ihr das niemals sagen.)

Um ehrlich zu sein, hatte ich mir unerträgliche Sonderlinge vorgestellt, die einem gräulichen Priester folgten. Natürlich würde ich ihr das niemals sagen.

Als ich meine Tränen getrocknet hatte, stellte ich fest, dass ich diese alte Kapelle seltsam tröstlich fand. Es war sehr ruhig. Durch die bunten Fenster drang das Licht dieses Frühlingsabends, eine einzige dicke Bienenwachskerze brannte vor ein paar strahlend pinken Hortensien, die eine Pietà von erstaunlicher Schönheit und Kraft zierten.

Bald öffnete sich die Tür und ein jüngerer Priester in Soutane gefolgt von drei Männern schritt herein. Der Priester nickte uns mit einem Lächeln zu und verschwand mit einem der Männer in einem Nebenraum. Die anderen beiden grinsten uns wortlos an und nahmen ihre Plätze im hinteren Teil der Kapelle ein.

Wenige Minuten später läutete eine goldene Glocke. Der Priester und der Messdiener traten ein. Die kleine Gruppe Gläubiger, die sich still eingefunden hatten, stand auf. Während das Abendlicht langsam schwächer wurde, erhoben die beiden Männer hinten ihre Stimmen zum gregorianischen Gesang.

Ich lauschte entrückt als die Jahrhunderte verschwammen. Am Ende der Messe war ich in Trance. Nichts wollte ich mehr, als dort zu bleiben und die nach Weihrauch duftende Luft einzuatmen. Jennifer stand auf, als der Priester mit zwei der Männer auf uns zukam.

Ich sah sofort, dass einer der Sänger in Jennifer verliebt war. Sie erwiderte seine verehrenden Blicke mit einem strahlenden Lächeln und stellte ihn vor. Er hieß Josef und schüttelte ernst meine Hand. Dann stellte sie mich dem Priester vor, der mich willkommen hieß. Der andere Sänger stand still daneben.

„Und das ist Christoph“, flüsterte sie und wir gaben uns die Hand. Er war ein großer, ruhiger Mann mit aristokratischer Haltung. Plötzlich fielen mir meine tränennassen Wangen ein und ich wünschte, ich hätte einen Lippenstift.

„Sehr erfreut, Sie zu treffen“, sagte er in der korrekten Manier, an der die Deutschen den guten familiären Hintergrund erkennen. Sein Lächeln war ehrlich und sein Händedruck warm.

„Sehr erfreut, Sie zu treffen“, sagte er in der korrekten Manier, an der die Deutschen den guten familiären Hintergrund erkennen. Sein Lächeln war ehrlich und sein Händedruck warm.

„Das war sehr schön“, sagte ich zu dem Priester mit gedämpfter Stimme und irgendwie verlegen. „Hat es Ihnen gefallen?“, fragte der Priester und ein zufriedenes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Es war also das erste Mal für Sie?“

„Ja“, gab ich zu. „Ich hätte ja nie gedacht…“

„Ich habe sie mit her gebracht, Pater“, sagte Jennifer grinsend.

„Sie sind zweifelsohne eine vielbeschäftigte Person in der Klinik, oder?“, sagt der Priester, immer noch lächelnd.

„Ich bin…“, sagte ich zögernd, unsicher, was ich antworten sollte.

„Vielleicht möchten Sie sich uns zum Abendessen anschließen?“, fragte er herzlich.

„Jetzt?“, sagte ich völlig perplex.

„Ja, jetzt“, sagte Christoph mit einem neckenden Lächeln. Ich mochte seine dunklen Augen. „Ihre  Jennifer hat uns ihre lässige amerikanische Lebensart gelehrt. Wir gehen oft einfach mal nach der hl. Messe zusammen was essen.“

„Und ein Glas Wein ist da Pflicht“, sagte Josef lachend. „Gehn wir?“

Als wir die Kirche verließen, beobachtete ich, wie jeder meiner Begleiter kurz niederkniete, und sich dann bekreuzigte, die Augen zum Altar gerichtet. Draußen zitterten wir in der kalten Nachtluft.

„Wo auch immer die katholische Sonne scheint…“, sagte Jennifer auf Englisch.

„…da ist immer Freude und guter Rotwein.“, Christoph lächelte breit und führte ihren Satz zu Ende.

„Zumindest ging es mir immer so…“, fuhr Josef fort, der seinen Arm um Jennifer gelegt hatte.

„…Benedicamus domino*“, schloss der Pater und lächelte mir zu. Alle lachten.

„Was bedeutet das?“, fragte ich amüsiert, aber verwirrt.

„Ein sehr cleverer Engländer hat das geschrieben“, erkläre Jennifer grinsend. „Ein Mann namens Hilaire Belloc.“

„Nur ein Engländer“, sagte Josef neckend und zwinkerte Jennifer zu.

„Ein Genie!“, rief der Pater lachend.

Als wir zusammen durch die alten Straßen gingen, überkam mich ein seltsames Gefühl. Ich schaute hinauf zu Christoph, der neben mir ging, und erwiderte sein Lächeln. Ich fühlte mich irgendwie jünger.

Und leichter als Luft.

*“Wherever the Catholic sun doth shine,
There’s always laughter and good red wine.
At least I’ve always found it so.
Benedicamus Domino!”

(Hilaire Belloc)

Ein Update zur lateinischen Messe in Deutschland

Monika Rheinschmitt ist gelernte Informatikerin. Heutzutage allerdings hat sie ein wachsames Auge auf Zahlen, die Sie sich zu Studienzeiten nicht hätte vorstellen können – Entwicklungen im Katholizismus und das Wachstum der lateinischen Messe im deutschsprachigen Raum.

Die Stuttgarterin Monika ist die Vorsitzende von Pro Missa Tridentina, einer der aktivsten Organisationen weltweit, wenn es um die Unterstützung der lateinisches Messe geht. Seit 1990 war sie Editorin und Herausgeberin eines Newsletters, aus dem im Jahr 2010 das Magazin „Dominus Vobiscum“ wurde. Es erscheint zweimal im Jahr und wird in Deutschland, im Elsass, in der Schweiz, in Österreich, Liechtenstein sowie Belgien eifrig gelesen.

Frage: Erzählen Sie uns etwas über “Pro Missa Tridentina”. Wann und durch wen wurde diese Vereinigung gegründet?

“Pro Missa Tridentina” wurde im Frühjahr 1990 in Stuttgart gegründet als eine Vereinigung von Laien, die sich für die Verbreitung des überlieferten lateinischen Ritus der katholischen Meßfeier einsetzen. Wir arbeiten für die Förderung dieses „Alten Ritus“, indem wir katholische Laien unterstützen, die heilige Messen in diesem ehrfurchtsvollen und schönen Ritus mitfeiern wollen. Das beinhaltet die Organisation von Liturgischen Schulungen für Priester, Ministranten und Choralsänger sowie praktische Hilfen für einen konkreten Ort von der Formulierung von Briefen an Bischöfe bis zur Vorbereitung der ersten traditionellen lateinischen Meßfeier.

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Monika Rheinschmitt von Pro Missa Tridentina in Deutschland

Frage: Welchen Fortschritt können Sie in Deutschland erkennen seit dem Motu proprio von 2007?
Direkt nach dem Motu proprio von 2007 gab es einen sprunghaften Anstieg bei der Anzahl von Meßfeiern im Alten Ritus überall in Deutschland. Den Berichten über England und Amerika im Magazin „Regina“ entnehme ich, daß auch dort ein beeindruckendes Wachstum seit 2007 auftrat. Bemerkenswert an der deutschen Situation ist, daß es einen unmittelbaren Anstieg gab – auf mehr als das Dreifache der Anzahl von Meßfeiern innerhalb eines Jahres, gefolgt von einem schnellen Abflachen der Zuwachsrate.

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Pro Missa Tridentina organisiert Weiterbildungen für Priester in Deutschland, die die außerordentliche Form der Messe erlernen möchten.

Frage: Worauf führen Sie das zurück?

Die deutschen Bischöfe waren zuerst überrascht, reagierten dann  aber schnell und griffen hart durch: Sie behinderten das Entstehen weiterer traditioneller Me߬-Orte, obwohl ein solcher Kurs durch das Motu proprio offiziell verboten war.

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Deutsche Katholiken lernen Gregorianik in von Pro Missa Tridentina organisierten Kursen.

Q. Wie würden Sie das Wachstum der überlieferten lateinischen Messe in Deutschland charakterisieren?

Als wir 1990 begannen, gab es genau 4 öffentlich bekannte Meßfeiern in der überlieferten lateinischen Form in ganz Deutschland. Heute sind es etwa 150 Meßorte in Deutschland – und 36 in Österreich, 37 in der Schweiz, 4 in Liechtenstein, 4 im Elsaß, 1 in Luxemburg, 4 in Südtirol, 17 in Belgien und 12 in den Niederlanden; natürlich finden diese Meßfeiern nicht immer an Sonntagen statt.

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Frage:  Das ist wirklich ein beeindruckendes Wachstum! Wie wurde dies erreicht?

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Organisiert von Pro Missa Tridentina und anderen Gruppen unterstützen deutsche Katholiken die lateinische Messe auf Veranstaltungen wie beispielsweise dem Eucharistischen Kongress.

Durch äußerst harte Arbeit von vielen, vielen Laien und Priestern. Die meisten hatten einen wirklichen Kampf zu bewältigen, um eine Kirche zu finden, in der dieser Ritus gefeiert werden durfte, und um einen Priester zu finden, der bereit war, diesen Ritus zu erlernen und die heilige Messe zu feiern. Natürlich gibt es viele Bischöfe, welche die Bekanntmachung dieser Meßfeiern verbieten („keine Werbung!“), so daß der einzige Weg, wie Gläubige davon erfahren können, die Mundpropaganda ist – oder die Benutzung des Internet. Seit vielen Jahren betreibt Pro Missa Tridentina eine Website ( http://www.pro-missa-tridentina.org/  ), die nicht nur Informationen rund um die traditionelle lateinische Messe anbietet, sondern auch Meßort-Listen für mehrere Länder und einige Landkarten.
 

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Deutsche Priester und Laien singen gregorianische Gesänge.

Frage:  Eine solche Behinderung erscheint kontraproduktiv in einer Kirche, die rasant Mitglieder verliert – entweder durch natürliche Abnahme (Tod) – oder indem Katholiken einfach entscheiden, ab jetzt keine Kirchensteuer mehr zu bezahlen.

Ja, dies erscheint mir und auch vielen anderen kontraproduktiv zu sein. Aber das ist wohl keine rationale Entscheidung; in Wirklichkeit ist es mehr ideologischer Natur, ein derartiger Widerstand von Seiten dieser älteren Kleriker.

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Deutschlands barocke Kirchen wurden für die lateinische Messe gebaut. Hier wird sie wieder in Regensburgs Alter Kapelle gefeiert.

Frage: Wie sieht die Zukunft aus?

Seit vielen Jahren sehen wir, daß sich eine große Menge von jungen Leuten und jungen Familien für die überlieferte lateinische Messe interessiert, und ihr Glaube gestärkt wird. Viele hatten keinen guten Religionsunterricht; sie kennen ihren Glauben kaum, aber sie werden von der Schönheit und der ehrfürchtigen Feierlichkeit dieses altehrwürdigen Ritus angezogen.

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Bischof Klaus Dick war der Zelebrant in einer Heiligen Messe in St. Kunibert in Köln beim Eucharistischen Kongress 2013.

Sie bestehen darauf, auch die anderen Sakramente in dieser Form zu empfangen: von der Eheschließung bis zur Taufe, von der Erstkommunion bis zur Krankensalbung verlangen Katholiken in Deutschland, die Fülle der Gnaden zu empfangen, die ihre neue geistliche Heimat anbietet – die traditionelle lateinische Form des römischen Ritus.

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Taufe in der außerordentlichen Form in Maria Hilf, einer Gemeinde der Petrusbruderschaft in Köln.

 

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Deutsche Katholiken in einer lateinischen Messe in St. Kunibert beim Eucharistischen Kongress 2013 in Köln.

Kontact: 

Monika Rheinschmitt
Laienvereinigung für den klassischen römischen Ritus in der Katholischen Kirche, shortname: Pro Missa Tridentina; Fraschstr. 6, 70825 Korntal
eMail:  PMT.Stuttgart@t-online.de; Website: http://www.pro-missa-tridentina.org/
Phone: +49 711 8387877+49 711 8387877

Das zweite Rom

Das christliche Trier in Deutschland

Trier ist eine alte Stadt nahe der Grenze zu Luxemburg und Frankreich. Bei der Einführungsmesse des damaligen Bischofs von Trier, Reinhard Marx, brachte Bischof Kampfhaus von Limburg etwas besonderes mit – den Bischofsstab des Heiligen Petrus. Der Metropolitan-Erzbischof von Köln übergab diesen Bischof Marx „als ein sichtbares Zeichen der Gemeinschaft der Kirche von Trier mit dem Heiligen Petrus und seinen Nachfolgern.“

Die Legende des Bischofsstabs Petri

von Christoph Pitsch

Natürlich lebte Petrus hunderte Jahre bevor Bischofsstäbe in Gebrauch kamen, doch das Geheimnis hinter diesem Stab ist eine faszinierende Lengede über die Gründung der Trierer Kirche.

Nach dieser Legende verließen die Hll. Eucharius und Valerius, beides Schüler des Petrus, zusammen mit dem hl. Maternus, Rom, um das Evangelium nördlich der Alpen zu verkünden. (Andere Legende sagen, sie seien als Priester, Diakon und Subdiakon gegangen.)

Als sie das heutige Elsass-Lothringen erreichten starb Maternus jedoch an Erschöpfung. Enttäuscht kehrten Eucharius und Valerius nach Rom zurück. Dort gab ihnen der Hl. Petrus seinen Hirtenstab und sandte sie zurück zu Maternus, wo sie ihn mit dem Stab wieder zum Leben erweckten. Eucharius und Valerius gingen nach Trier und gründeten dort eine christliche Gemeinde und Maternus in Köln.

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Die wahre Geschichte von Trier

Wie viel davon stimmt? Tatsächlich war Eucharius nach mittelalterlichen Bischofslisten der erste Bischof von Trier um das Jahr 200. Valerius ist an zweiter Stelle genannt. Maternus, der erste Bischof von Köln, wird als dritter Bischof von Trier genannt. Aber die Quellen belegen auch, dass es bereits christliches Leben vor diesen drei Heiligen Bischöfen gab.

Augusta Treverorum (Trier) wurde im Jahr 30 v. Chr. Als Kaiserresidenz und Haupstadt der Provinz Gallia Begica gegründet. Es war die wichtigste Stadt nördlich der Alpen und auch heute gibt es viele alte Bauwerke zu bewundern – römische Badeanlagen, Arenen und sogar Weingüter, die bis in römische Zeiten zurückreichen. (Editor’s Note:  Eins der bestgehütesten Geheimnisse ist der unglaubliche Umfang und der römische Ruinen in Trier – neben Rom, gibt es sowas kein zweites Mal in Europa.

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Trier war außerdem Schauplatz einer der grausamsten Christenverfolgungen, als unter Kaiser Diocletian und dem Trierer Gouverneur Rictovarus. Als Soldaten seiner römischen Legion sich weigerten Christus zu verleugnen wurde sie mit dem Schwert auf der noch heute erhaltenen Römerbrücke in Trier hingerichtet.

Legenden berichten, dass sich die Mosel blutrot fräbte und das Blut der Märtyrer kilometerweit davon floss – und dass Christen flussabwärts die Überreste aufsammelten. Diese werden heute unter den Kirchen St. Paulin, St. Maximin und St. Matthias aufbewahrt. Im Jahre 1990 entdeckte man bei Grabungen allein unter St. Maximin – heute in staatlicher Hand – überreste von 1300  Menschen.)

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Das frühe christliche Trier

Nach der Promulgation des Edikts von Mailand unter Kaiser Konstantin, war das Christentum nicht länger illegal. Bis dahin lebte die Mutter Konstantins in Trier. (Mansche sagen sie hätte dort einen Konvent gegründet.) Dann kam die Konstantinische Wende, als der Kaiser selbst Christ wurde.

Wo also sollte man die erste christliche Basilika auf deutschem Boden bauen? Buchstäblich auf dem Fundament des Palastes der Hl. Helena.

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Aus dieser alten Basilika ging die gegenwärtige Doppelkirchenanlage der „Kathedrale (von lat. „Sitz“) des Bischofs von Trier hervor. Heute steht die romanische Basilika neben einer wunderschönen gotischen Kirche in Form einer Rose – geweiht unserer Lieben Frau. Nebenbei die älteste gotische Kirche in Deutschland.

Die Benediktinerabtei von St. Matthias beherbergt die einzigen Apostelüberreste nördlich der Alpen. Die Abtei selbst wurde auf dem Land eines römischen Senators aus Trier gebaut. Vor einigen Jahrzehnten, enthüllte ein erstaunlicher archäologischer Fund die Knochen von hunderten Christen um einen römischen Sarkophag, der über Jahrhunderte tief unter der Abtei lag.

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Die Hl. Helena und der Heilige Rock

Die Legende besagt, dass Helena das Kreuz und den Leibrock Christi während einer Pilgerfahrt nach Jerusalem auffand. Sie war schon eine betagte Dame als sie diese Reise unternahm und sowohl die Grabeskirche in Jerusalem, als auch die Geburtskirche in Bethlehem wurden auf ihre Anordnung hin gebaut.

Heute wird der Heilige Rock in der Kathedrale von Trier aufbewahrt – eine der wichtigsten Reliquien unseres Herrn.

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Trier in Mitten des Sturms

Es war eine Zeit von stürmischen kirchenpolitischen und theologischen Kontroversen. Ein Mann namens Arius aus Ägypten predigte, dass der Sohn Gottes nicht von Ewigkeit her existierte, sondern geschaffen wurde und damit von Gott, dem Vater getrennt ist – die erste Häresie, die das Christentum ins Wanken brachte.

(Arianismus ist eine Debatte, die wir auch heute noch sehen können, wenn Menschen fragen, ob Jesus Christus „Gott“ war oder bloß ein sozialer Reformer.)

Diese Kontroverse nahm weit größere Dimensionen an und endete schließlich im Konzil von Nicäa (325 n. Chr.), wo auch das Große Glaubensbekenntnis entstand, welches wir in jeder Messe beten. Zwei der führenden Bischöfe gegen Arius waren Kirchevater Athanasius von Alexandria – einer der vier Kirchenlehrer – und Bischof Paulinus. Der hl. Paulinus war zu einer bestimmten Zeit der einzige Bischof, der nicht mit der wuchernden arianischen Häresie konform ging. Für dieses glaubensvolle Zeugnis wurde er von Trier in die Türkei verbannt, wo er schließlich auch starb.

Welche Rolle spielte Trier? Nach dem Konzil, auf welchem die Lehren des Arius zurückgewiesen und das Credo von den Bischöfen akzeptiert wurde, fiel Athanasius in Ungnade mit Kaiser Konstantin und wurde nach Trier verbannt, wo Paulinus Bischof war.

Zur gleichen Zeit beteiligte sich auch ein anderer Kirchvater an der Auseinandersetzung mit Arius – Ambrosius von Mailand. Her ist bekannt als der Verfasser des Te Deums und als derjenige, der den Hl. Augustinus taufte. Eine Legende besagt, dass als Augustinus getauft werden sollte, dieser die erste Zeile intonierte und Ambrosius antwortete. Heutzutage wird das Te Deum am Ende jeden Jahres in jeder katholischen Kirche gesungen. Ambrosius wurde in Trier als Sohn eines römischen Präfekten geboren.

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Das zweite Rom

Wir sehen, dass die Kirche von Trier in der Geschichte eine wichtige Rolle in der Verkündigung und Verteidigung des Glaubens spielte – buchstäblich ein zweites Rom. Die vielen Ruinen der alten römischen Zivilisation umgeben uns in Trier und die Weitergabe dieser Zivilisation durch den Glauben in die heutige Zeit begegnet uns mit jedem Schritt durch die alte Stadt.

All diese Symbpole, Reliqiuen und Legenden haben eines gemeinsam: sie zeigen den Gläubigen was unsere Herkunft ist. Wir in Trier waren die ersten Christen auf deutschen Grund, Das ist unser Stolz und unsere Verantwortung.